Donnerstag, 19. Juni 2014
Der Ball der Vampire
shira, 19:49h
Der Ball der Vampire
Aus einer Heidelberger Zeitung,
Rubrik Heiteres und Kurioses:
Gestern Nacht wurden Polizeibeamte zu dem Schloss in Heidelberg gerufen. Ein 34 jähriger Mann stürmte in die Polizeistation. Er behauptete auf dem Schloss würden Vampire ihr Unwesen treiben. Es stellte sich heraus das dort gestern Abend der all jährige „Ball der Vampire“ stattfand. Als zwei der Beamten dort gegen drei Uhr eintrafen war die Veranstaltung schon zu Ende und die meisten (verkleideten) Vampire verschwunden. Wahrscheinlich hat der Herr der behauptete die echten Vampire gesehen zu haben, ein paar „Vampircocktails“ zu viel getrunken. Er selbst war übrigens als Vampirjäger verkleidet und hatte eine Knoblauchkette um den Hals geschlungen.
Die rote Friedhofskerze flackerte, als Christoph mit dem Bein an den niedrigen Tisch stieß. Die Sitzbank war für ihn etwas zu dicht an dem langen Holztisch aufgestellt. Leise fluchend rieb er sich das Knie, der Tisch war recht solide.
Einer von der Sorte die man auch auf öffentlichen Picknickplätzen finden könnte, die Bank war fest am Tisch angebracht und nicht beweglich.
Und diese „Zorro“ - Maske schränkte sein Gesichtsfeld doch etwas ein.
Christoph sippte erst mal einen Schluck von seinem Bier.
Am anderen Ende der Bank saß ein typischer Vampir. Er war ganz in schwarz gekleidet, hatte ein langes schwarzes Cape umgebunden, sein Gesicht war so weiß wie Milch, mit schwarz umrandeten Augen und mit Kunstblut gefärbte Lippen. An den Fingern hatte er künstlich verlängerte klauenartige Nägel. Die künstlichen Vampirzähne aber, lagen vor ihm auf dem Tisch. Der Vampir unterhielt sich angeregt, mit der übergewichtigen Vampir-Dame im schwarzen, halb durchsichtigem Rüschenkleid, die ihm gegenüber saß. Dabei waren ihm die billigen Plastikprothesen wohl doch hinderlich.
Sie unterhielten sich gerade darüber, ob sich Vampire in Fledermäuse verwandeln könnten oder nicht. Die Vampir-Dame trank einen „blutigen Rotwein“ und der Vampir einen „Hexenpunsch“.
Ein als Zombie verkleideter Kellner kam vorbei und nahm die drei leeren Gläser mit, die noch auf dem Tisch rumstanden.
Christoph richtete seinen Blick in sein Bierglas, er beachtete die kunstvolle Dekoration kaum, die den Gewölbekeller schmückte. Spinnweben und Stofffledermäuse hingen von der Decke, Kerzen und gedämmte Lampen sorgten für eine düstere Stimmung. Und es wurde gerade ein Lied nach dem anderen aus dem erfolgreichen Musical „Tanz der Vampire“ gespielt. Vereinzelt tanzten Leute auf der dafür vorgesehenen freien Fläche. Noch war es zu früh und die meisten standen nur am Rand der Tanzfläche an den Stehtischen oder saßen noch an den Holztischen und tranken sich Mut zu.
Christoph hatte gerade andere Gedanken.
Er hoffte das sie es nicht zu doll treiben würden und vor allem das sie sich an ihre Abmachung hielten.
Er trank einen Schluck Bier, als ihm eine Hand auf die Schulter gelegt wurde. Die Hand drückte ein wenig freundschaftlich und streichelte ein wenig über das schwarze Hemd, das er an hatte. Er wusste sofort das es seine Freundin war und rückte gleich etwas weiter die Bank entlang, so das sie sich neben ihn setzen konnte.
Sie setzte sich und fragte ob bei ihm alles klar wäre und lächelte ihn an. Wenn sie so lächelte konnte man die Lücken sehen, die da waren wo normalerweise die Eckzähne sind.
Er mochte ihr Gesicht, mit schwarzen Augen voller Leben, einer nicht zu großen und nicht zu kleinen Nase, dem schmalen Mund. Ihr Teint war ein wenig zu blass, aber ihre Haut gab einen guten Kontrast zu den langen schwarzen Haaren, die über ihre Schultern wallten. Der Rest von ihr war unter einem schwarzem, bis zum Boden reichendem Mantel verborgen.
Ihr lächeln war ehrlich und ansteckend. Sie liebte ihn über alles und er liebte sie.
„Mir geht es gut. Hab mich eben nur ein wenig allein gefühlt, da ihr ja eben alle wo anders unterwegs seid.“
„Tut mir leid. Aber jetzt bin ich ja da. Die anderen beiden müssten auch gleich kommen.“
Sie küsste ihn sanft auf die Lippen.
Als sie ihre Lippen voneinander lösten, saßen ihnen zwei weitere schlecht verkleidete Vampire gegenüber.
„Die kleben mal wieder aneinander.“ Meint der größere, blonde, junge Mann von ihnen zu dem anderen, der auch nicht klein geraten war und einen schwarzen Hut trug, auf dem eine Fledermaus an einem Draht befestigt war.
„Und habt ihr euern Spaß gehabt?“ fragt Susanna über den Tisch.
Tom wurde daraufhin ruhig, aber Holger schien zufrieden mit sich selbst. „Also ich schon“, sagte er und beugte sich über den Tisch, wobei die Fledermaus auf seinem Kopf vor und zurück wippte. „Du hattest recht Susanna“, er schaute kurz zu dem Vampir der mit seinen Plastikprothesen rumspielte und seiner übergewichtigen Begleiterin. Die dicke Vampir-Lady, war gerade dabei ihren Freund zum tanzen aufzufordern. Er schien davon nicht so begeistert.
Holger wandte sich wieder Susanna zu „die Leute hier haben kein Problem damit, die meisten fahren da sogar voll drauf ab.“
„Sag ich doch“ triumphierte Susanna, in Christophs Richtung schauend.
Er zuckte die Schultern.
„Ist ja ok.“, meint dieser, „wenn die das gut finden ist es nicht mein Problem. Haltet euch nur an unsere Abmachung, ja?“
„Natürlich tun wir das.“, antwortete Susanna prompt. Holger nickte eifrig, auch Tom stimmte dem zu.
„Dann ist ja gut.“ sagte Christoph und trank sein Bier leer. „Sieht so aus als bräuchte ich was neues zu trinken.“
„Sieht so aus.“, stimmte Tom zu, „Ich glaub ich nehme mir auch ein Bier, oder vielleicht sollte ich mal so einen blutigen Wein probieren. Ob da echtes Blut drin ist?“
Er winkte den Zombie-Kellner herbei.
„Was wollen die Herren und Damen denn zu trinken?“, fragt der Zombie mit einer leichten Verbeugung.
„Also ich hätte gerne den blutigen Wein, ist da denn echtes Blut drin?“ entgegnet Tom.
„Aber natürlich“, erwiderte der Zombie mit einem Augenzwinkern.
„Ich nehme mir mal so eine Blutcola. “, sagt Christoph, ein Bier wäre ihm lieber gewesen, aber er war an der Reihe zu fahren. Holger bestellte sich einen Vampircocktail und Susanna nahm ebenfalls eine Blutcola.
Christoph holte sein Handy aus der Hosentasche um auf die Uhr zu schauen.
22:30. Langsam wiegten sich die ersten Paare auf der Tanzfläche. Dort tanzte ein Werwolf mit einer Fledermaus, ein Vampirjäger mit einer Knoblauchkette um den Hals mit einer Vampirdame in einem roten Kleid, ein Graf Dracula mit einer recht lebendigen Leiche.
Susanna, die Christophs Blick gefolgt war sagte:
„Ich hoffe du tanzt nachher auch mal mit mir.“
„Das muss ich mir aber noch gut überlegen.“
„Wofür geht man denn auf einen Ball? Doch wohl um zu tanzen, also...“
„Lass mich erst noch meine Cola trinken.“
„Ja, ich hab ja gesagt, nachher erst. Jetzt sind mir da auch noch zu wenig Leute, da fällt man zu sehr auf. Aber, wenn nachher mehr tanzen, dann tanzt du mit mir eine Runde. Sonst muss ich nachher noch mit einem von denen da tanzen“, sie nickte zu Holger und Tom hinüber und grinste ihnen schelmisch zu.
„Ja, mach doch!“ sagte Christoph.
„Oh das wäre ja soo schlimm“, rief Tom über den Tisch, „pass auf Christoph, nachher verlässt sie dich noch wegen mir, wenn du nicht mit ihr tanzt.“
„Ja, das fürchte ich auch,“ dabei behielt Christoph Tom im Auge.
Susanna beugte sich zu Christoph.
„Ich will aber eh viel lieber mit dir tanzen, Christoph. Du kannst bestimmt besser tanzen als die beiden zusammen.“
Alles klar, dachte Christoph und nahm sich vor die Blutcola, welche der Zombiekellner gerade auf den Tisch stellte sehr langsam zu trinken.
Draußen war es kalt. Ein leichter Nieselregen wurde vom kalten Wind über den Schlosshof geblasen. Nicht sehr gemütlich hier draußen. Dennoch trotzte Christoph dem schlechten Wetter. Er brauchte einfach frische Luft. Nicht das es in dem Gewölbe in dem der Ball der Vampire stattfand sehr stickig oder verraucht war. Geraucht werden durfte sowieso nur hier draußen auf dem Hof. So standen ein paar Süchtige unter dem Eingangstor des Schlosses, damit sie wenigstens dem Regen entgingen.
Außerdem wollte er gerne im Auge behalten was die anderen drei hier draußen so machten. Sie waren vorhin wieder verschwunden und er hatte sie in dem Ballsaal nirgends sehen können, also mussten sie hier draußen sein. Aber er wusste nicht ob er wirklich wissen wollte was sie gerade taten. Er hatte schon so seine Vorstellungen.
Christoph rieb sich den Sprühregen aus dem Gesicht, die Zorro-Maske hatte er auf dem Tisch liegen lassen. Die war ihm doch zu sehr im Weg gewesen. Er ging zu den Rauchern unter das große steinerne Tor. Hier konnte er auch dem Wind etwas entkommen.
Grade als er unter dem Tor angekommen war und sich mit dem Rücken zu einer der Mauern gestellt hatte, sah er wie sich eine unscheinbare Tür, fast gegenüber vom Tor, nach außen hin öffnete. Es war zu dunkel und zu weit weg um die Person die heraustrat und schnell die Tür schloss genau zu erkennen. Doch der Hut mit der Fledermaus ließ nur auf Holger schließen, der jetzt über den Hof, in den Schlosskeller eilte. Wenn er Christoph sah, reagierte er nicht darauf.
Christoph sah sich um, keiner von den Leuten die hier standen hatten auf Holger geachtet.
Christoph ging über den Hof auf die Holztür zu. Er drückte die eiserne Klinke und öffnete die Tür weit genug um hinein zu gehen. Er ließ die Tür angelehnt, damit wenigstens etwas Licht von draußen, von den Lampen auf dem Hof herein drang. Er musste einen Augenblick warten, bis sich seine Augen an die Düsternis gewohnt hatten. Vor sich sah er einen schmalen Gang der an einer Wendeltreppe endete. Dies war ein Teil des Schlosses welches normal nicht Besuchern offen stand und im Gang lagen eine Leiter und Kabel herum. Christoph konnte Stimmen von oben hören. Er ging den Gang entlang und stieg die Steinstufen hinauf. Auf der Treppe sah er fast gar nichts, erst als er im ersten Stock angekommen war erhellten Fenster die Räume schwach. Jetzt konnte er deutlich die Stimme einer jungen Frau hören.
„Gerne möchte ich zu einem Vampir werden, wenn du mich zu einem machst.“, sie lachte dabei, wie über einen Scherz. Hier war auch ein schmaler Gang, rechts war eine moderne Tür eingebaut die nicht hierher passte, links ging es zu einem großen Raum mit großen Buntglasfenstern.
Toms Stimme drang durch die Tür: „ Ich kann dir Unsterblichkeit bringen und du kannst natürlich in der Dunkelheit sehen, willst du das?“
„Ja.“, sie klang angeheitert.
„Es wird nur kurz weh tun, aber danach bist du ein echter Vampir.“
„Ja jetzt mach schon“, sie schien ihn zu küssen.
Christoph ging in den Raum links von dem Gang. Trotzdem konnte er den gedämpften Schrei hören, von dem er wusste das er kam. Er wartete. Nach einer Weile machte Tom die Tür auf und war überrascht Christoph in dem Raum zu sehen.
„Was machst du denn hier?“, fragte er. Er schien ziemlich aufgeheitert.
„Nichts.“
„A ja, klar.“
„Was machst du?“, fragte Christoph überflüssiger weise.
„Ich verführe hübsche Frauen“
„...und enttäuscht sie dann.“
„Ach was, ich frage sie immer ob sie ein Vampir werden wollen. Und bis jetzt haben alle ja gesagt. Die meisten sind ja richtig begeistert davon.“ Tom grinste.
„Natürlich, weil sie ja nicht glauben das du sie wirklich zu einem machst.“
„Ist das meine Schuld?“, fragte Tom unschuldig.
„Wo ist Susanna?“
„Da drin.“ Sagte Tom mit einem schmunzeln und hielt die Tür für Christoph weit auf.
Auf dem Boden lag die junge Frau, als Vampir verkleidet. Sie schien Tod, an ihrem Hals waren die zwei Bissspuren die Tom hinterlassen hatte.
„Willst du die jetzt einfach da liegen lassen?“, fragte Christoph.
„Nein ich räume sie gleich weg, ich wollte erst mal wissen wer denn hier draußen herumlungert.“
Er ging zu der Frau hinüber und hob sie hoch. Er trug den scheinbar leblosen Körper wie ein Bräutigam über die Schwelle in einen angrenzenden kleinen Raum. Dort waren keine Fenster, wahrscheinlich war es mal eine Abstellkammer gewesen, und Christoph konnte nichts darin sehen.
„Du hättest mir auch sagen können das der Christoph vor der Tür herumlungert.“ Sagte Tom in dem Raum.
„Du hast nicht gefragt.“, kam Susannas Antwort, „leg sie dahin.“
Dann kam sie heraus.
„Ich glaube nicht das dir das hier gefällt Christoph.“ Sagte sie.
„Nicht wirklich.“
„Es wäre besser, wenn du nicht hier her kommst, nicht das jemand denkt, du hättest irgendwas mit dem verschwinden der Leute zu tun.“ Sie legte einen Arm um ihn und führte ihn hinaus.
„Wie viele, habt ihr schon ... gebissen?“, fragte er während sie die Treppe hinunter gingen. „Ein paar...“ wich Susanna aus.
„Wie viele?“
„Also, ich habe ... elf. Aber sie wollten alle Vampire werden! Ich habe alle gefragt.“
„Langsam müsstest du doch dann satt sein oder?“
„So langsam. Aber ein paar kann ich noch, vielleicht ein oder zwei.“
Christoph seufzte, es würden mehr werden als nur ein oder zwei, er kannte sie.
„Wenn hier noch sehr viel mehr Leute verschwinden, fällt es auf Susanna.“
„Wahrscheinlich tut es das. Deswegen möchte ich auch nicht das du hier rein kommst.“
Sie waren unten auf dem Schlosshof angelangt und Susanna schloss grade die Tür hinter ihnen. Es nieselte immer noch.
Sie gingen halb über den Hof, als Susanna ihn noch mal anhielt. „Ist alles weg?“, fragte sie. Er schaute sich ihr Gesicht an. „Ja“ sagte er. Nicht das es hier aufgefallen wäre, wenn sie noch Blutspuren an den Lippen hätte. Sie küsste ihn flüchtig. Dann gingen sie in den Gewölbekeller.
In dem Ballraum war die Party in vollem Gange. Die Musik war jetzt laut und viele Paare tanzten. Der Alkohol floss und die Stimmung wurde ausgelassener.
„He du hast mir doch versprochen das du mit mir tanzt, mein Lieber.“
„Hab ich das?“, fragte Christoph. Nach dem was er eben gesehen hatte fühlte er sich nicht nach tanzen. „Schau mal da ist Holger.“, fügte er an und wollte zu dem Stehtisch gehen, wo Holger mit ein paar Vampir-Mädels und dem Vampirjäger mit der Kette aus Knoblauchzehen stand. Doch Susanna packte ihn am Arm und zog ihn auf die Tanzfläche.
„Ich kann doch gar nicht tanzen“, protestierte Christoph halbherzig, aber fügte sich ihr. Sie tanzten einen Chacha und einen langsamen Walzer.
„Siehst du, so schlimm ist das nicht. Und du tanzt voll gut.“ Sagte sie. Dabei führte sie eher ihn und nicht umgekehrt, wie es sein sollte.
„Du tanzt aber noch viel besser“, schmeichelte er ihr. Es war schön mit ihr zu tanzen, aber neben ihr fühlte er sich etwas ungelenk, auch weil er an andere Dinge dachte, zum Beispiel was passieren würde wenn hier zu viele Leute vermisst wurden.
Susanna schien sich darüber keine Sorgen zu machen. Sie tanzte mit einer Leichtigkeit und Sinnlichkeit, die kaum zu beschreiben war. Nach einer Weile zog sie ihn in ihren Bann und er ließ sich darauf ein. Sie tat dies nicht um seine Liebe zu gewinnen, er liebte sie auch so. Es war ein erregendes Gefühl das sie allein durch ihre Nähe erzeugen konnte, genau so wie sie das Gegenteil Angst in Menschen erzeugen konnte. Er fühlte ihre angenehme Wärme und vergaß seine Gedanken. Er wollte mehr von ihr. Er zog sie an sich und küsste sie. Sie war einfach unbeschreiblich in jeglicher Weise.
„Ich kann es kaum erwarten bis wir heute zu Hause sind“ flüsterte sie ihm ins Ohr.
Er stimmte ihr zu und wünschte sich das gleiche. Er nahm sein Handy aus der Hosentasche. Es war fast halb zwei. Der Ball ging bis um drei.
„Das dauert noch so lange.“, sagte er zu ihr.
„Sollen wir uns jetzt gleich einen Platz suchen?“, flüsterte sie verführerisch, „Im Schloss gibt es bestimmt was.“
Er nahm ihre Hand und ging mit ihr wieder aus dem Ballsaal.
Der Wachmann sah wie ein junger Mann mit einem Hut mit Fledermaus eine etwas kräftigere Frau über den Schlosshof und durch eine Tür in einen Bereich des Schlosses führte der nicht betreten werden sollte. Er hatte vorhin schon beobachtet wie jemand anderes dort heraus gekommen war. Er ging seinen Pflichten nach, die jungen Leute wieder aus dem Teil des Schlosses hinaus zu scheuchen. Er ging die Wendeltreppe hoch und blieb vor der Tür stehen, hinter der er Stimmen hörte. Diese Tür sollte abgeschlossen sein. Er drückte die Klinke, die Tür glitt zur Seite.
Er sah den jungen Mann und die Frau in einer Umarmung im Raum stehen. Doch etwas irritierte ihn daran. Der Mann stand gebückt und hatte sein Gesicht seitlich am Hals der Frau und in ihren Haaren vergraben. Die Frau zuckte merkwürdig und keuchte, wie unter Schmerzen.
Der Wachmann starrte verwundert. Dann sackte die Frau zusammen. Als Holger sie auf den Boden gleiten ließ sah der Wachmann die Bisswunden in ihrem Hals. Holger sah überrascht auf. Blut rann ihm aus dem Mundwinkel und klebte an seinem Kinn.
„Hallo“, sagte er.
Der Wachmann wurde blass und rannte aus dem Gebäude so schnell er konnte.
Auf dem Hof beruhigte er sich wieder, wohl bewusst das ihn Leute beobachteten.
Er ging zu den Rauchern unter das Tor. Er wollte sie warnen. Aber wovor? Sollte er ihnen sagen das er gerade einen echten Vampir gesehen hatte? Das würde ihm kaum jemand glauben. Wenn seine Glaubwürdigkeit angezweifelt würde, würde er bestimmt seinen Job verlieren.
Desto mehr Zeit verstrich desto unwahrscheinlicher kam ihm das vor, was er gerade gesehen hatte. Vielleicht spielte ihm jemand gar einen Trick. So was wie Versteckte Kamera. Er sah sich um. Er sah keine Kameras.
Er beschloss erst einmal einen Kaffee trinken zu gehen und dann die Sache im Auge zu behalten. Er konnte die Sache immer noch später einem Kollegen erzählen. Es sollte bestimmt ein Scherz sein.
Er ging los, um sich einen Kaffee zu holen.
Gerade als der Wachmann raus auf den Hof gelaufen war, kam Susanna die Wendeltreppe hinunter, ihren Mantel zuknöpfend. Sie hatte ihn aufhalten wollen, aber war zu spät.
Sie ging zu Holger.
„Kannst du nicht aufpassen?“, herrschte sie ihn an, „Warum kommst du hier rein, wenn dich jemand beobachtet? Ihr Jungs seid echt toll! Der erzählt bestimmt bald anderen hier von. Dann werden hier mehr Leute nachschauen kommen.“
„Sorry Susanna, aber ich habe ihn echt nicht gesehen.“
„Weil du nicht geguckt hast. Mann! Wahrscheinlich müssen wir die jetzt wo anders hin räumen.“, sie deutete in Richtung der dunkle Abstellkammer.
Auch Christoph kam nun die Treppe herab. „Was ist passiert?“, fragte er.
„Weil Holger nicht aufpassen konnte war einer von den Wachmännern vom Schloss hier.“
„Is gut jetzt, es war meine Schuld, aber es ist jetzt passiert.“, entgegnete Holger.
„Aber es hätte nicht passieren sollen, Holger“
„Also was machen wir jetzt?“
„Ich habe noch den Schlüssel für die Tür. Aber ich weiß nicht ob die Wachmänner einen Ersatzschlüssel haben.
„Vielleicht sollten wir Heim gehen, Susanna.“, meinte Christoph.
„So lang der Wachmann nichts sagt ist es ja noch ok. Bis jetzt hat er es noch nicht. Vielleicht tut er es gar nicht.“, sagte sie zu Christoph, „und keiner wird ihm glauben.“
„Aber selbst wenn sie ihm nicht glauben wird er sie hier her führen.“, sagte Christoph.
„Wenn wir die Tür abschließen, dann sieht es für anderen Leute so aus als wäre hier nichts passiert. Sie werden schon nicht die Tür aufbrechen“, sagte Holger.
Susanna stimmte dem zu. „Wenn wir die Tür abschließen und den Wachmann etwas im Auge behalten, sollte es gehen.“
„Also, ich wäre echt dafür das wir gehen.“, versuchte Christoph es erneut.
„Wir bleiben nicht mehr lange Christoph.“, sagte Susanna. „Aber wenn du möchtest kannst du schon gehen. Wir müssen das hier dann eh noch aufräumen. Und ich möchte wirklich nicht das du hiermit irgendwie in Verbindung gebracht wirst. Ich denke mal, eine halbe Stunde oder so, bleiben wir noch.“
„Ich bleibe dann auch so lange.“
„Es wäre echt besser, wenn du jetzt schon alleine mit dem Auto heimfährst“, warf Holger ein, „wir können Heim laufen, das ist dann nicht so auffällig.“
„Ja, Holger hat Recht Christoph. Es ist besser wenn du ohne uns fährst. Wir können dann durch den Wald runter in die Stadt laufen.“
„Ich weiß nicht. Vielleicht habt ihr recht.“
„Christoph.“, sagt Susanna, „es ist besser, wenn du fährst, dann kann keiner auf den Gedanken kommen das du was mit den verschwundenen Menschen hier zu tun hättest. Es verschwinden ja noch welche nachdem du gegangen bist.“ Christoph sah die Gier in ihren Augen.
Es würde tatsächlich nicht mehr schön für ihn sein. Die drei würden noch was trinken und er würde wieder nur allein rum stehen.
„Na ja, dann geh ich halt. Aber, ihr macht nicht zu doll.“
„Aber natürlich nicht. Und ich komme dich danach noch mal besuchen.“, sie zwinkerte ihm zu.
Als er die Wendeltreppe runterging hörte Christoph wie die Tür unten aufging. Erschrocken blieb er stehen. Waren das schon die Wachmänner? Sein Herz hämmerte in seiner Brust.
Dann hörte er Toms Stimme und ging weiter die Stufen hinab.
„Hier wären wir“, hörte er Tom. Und ein Mädchen kicherte. „Hier ist es aber echt düster.“ „Komm die Treppe hoch, oben ist es heller... oh Christoph.“ „He“ hörte er das Mädchen, das er kaum erkennen konnte, „ich dachte wir wären hier alleine.“
„Bin schon weg“, raunte Christoph und zog an den beiden vorbei, hinaus auf den Hof. Dabei sah er sich um. Keiner beobachtete ihn, als er aus der Tür heraus kam. Viele Gäste waren schon dabei das Schloss wieder zu verlassen, einige in dem glauben das Verwandte oder Bekannte die mit ihnen hier her gekommen waren schon heim gegangen sein mussten.
Er saß jetzt schon eine viertel Stunde im Auto. Er tappte mit den Fingern auf dem Lenkrad. Der Regen tappte auf das Autodach. Er wischte wieder über die Frontscheibe, die gleich wieder anfing sich zu beschlagen. Sie hatten recht, er sollte heimfahren. Er konnte hier nichts tun. Der Schlüssel steckte bereits im Schloss. Christoph startete das Auto und wartete noch damit die Scheiben einigermaßen frei wurden. Die Uhr am Armaturenbrett zeigte 02:30.
Er konnte gerade wieder durch die Windschutzscheibe sehen, als er bemerkte wie ein Mann aus dem Schloss rannte. Er lief am Parkplatz vorbei. Der Mann, es war der mit der Knoblauchkette, hastete zur Treppe die vom Schloss in die Stadt hinunter führte. Er rannte als wäre ein Geist hinter ihm her und ohne auf die wenigen Leute zu achten, die sich zu Fuß auf den Heimweg machten. Oder ein Vampir, dachte Christoph. Das war nicht gut. Jetzt würde es wirklich nicht mehr lange dauern, bis die Polizei kam. Ob seine Freunde das wussten? Wahrscheinlich. Aber wenn nicht? Sie würden schon selbst klar kommen.
Christoph hatte ein ungutes Gefühl im Bauch. Hielten sie sich an ihre Abmachung? Irgendwie fühlte er sich für die Menschen hier verantwortlich. Er wusste Bescheid.
Ihm fiel ein das er seine Zorro – Maske auf dem Tisch im Gewölbekeller liegen lassen hatte. Dies veranlasste ihn dazu das Auto wieder aus zu machen und zurück zum Schloss zu gehen. Er wollte nur schnell die Maske holen und vielleicht dabei versuchen doch die anderen zum heimgehen zu bewegen.
Dann fiel ihm ein das er wahrscheinlich gar nicht ins Schloss gelassen wird. Er hatte keine Eintrittskarte, genauso wenig wie Susanna, Tom und Holger. Wenn sie welche gekauft hätten wüsste jeder das sie hier waren, das wollte Susanna aus ersichtlichen Gründen nicht. Sie waren vorhin alle durch ein offenes Fenster ins Schloss gekommen und sind von dort auf den Hof und in den Ballsaal gelangt. Für Vampire war es eben kein Problem drei Meter hoch zu springen. Und Susanna hatte Christoph einfach festgehalten und war mit ihm zusammen durch das Fenster gesprungen.
Aber alleine konnte er das natürlich nicht. Er ging trotzdem zum Eingang. Dort stand niemand, er schien Glück zu haben. Er ging schnell durch, niemand war da, um ihn auf zu halten. Er ging über die Brücke und kam zu dem eigentlichen Tor.
Hier war auch niemand, kein einziger Raucher. Es war auch niemand auf dem Hof zu sehen. Hatten schon so viele den Ball der Vampire verlassen?
Christoph steuerte den Gewölbekeller an. Die große Doppeltür war zu. Er drückte die Klinke, aber sie was verschlossen. Was war denn hier los? Von drinnen hörte er Musik und ausgelassene Stimmen.
Es gab ein Fenster links von der Tür. Von dort konnte Christoph nach unten in den Ballsaal schauen. Er konnte nur einen Ausschnitt sehen. Links einen Teil der Tanzfläche, die Stehtische und rechts ein paar von den Holztischen. Die Bar war auf seiner Seite, also direkt unter dem Fenster und nicht zu sehen. Die Tanzfläche war gefüllt, nur noch wenige versuchten zu der rockigen Musik, klassisch zu tanzen. Die meisten tanzten ausgelassen. Ein paar standen an den Stehtischen. Christoph sah Susanna an einem der Stehtische und Holger tanzte wild auf der Tanzfläche. Erst nach einer Weile entdeckte er Tom der mit einer jungen Frau an einem der Holztische saß und an ihr rummachte. Er sah auch seine Maske auf dem Tisch liegen, neben der roten Friedhofskerze.
Er sah auch das rechts, wo die Treppe zum Ausgang hochging, zwei Menschen etwas ratlos rumstanden. Denen war wohl auch schon aufgefallen das die Tür verschlossen war. Sie wurden aber gerade nicht beachtet.
Dann sprang Holger auf einen der Stehtische und tanzte dort. Er musste schon einiges getrunken haben. Susanna hatte ihm mal gesagt das Blut auf Vampire ähnliche Auswirkungen hat wie Alkohol bei Menschen. Wenn sie sehr viel davon tranken wurden sie ausgelassener. Aber Holger hatte ja auch einige Bier getrunken. Christoph war auf jeden Fall etwas überrascht.
Andere stellten sich um den Tisch herum und feuerten ihn an. Es gab auch eine sexy Vampirlady die es ihm gleich tat und auf einen der anderen Stehtische kletterte und ihr Glas Sekt über die Umstehenden verschüttete. Susanna feuerte Holger mit an, der sich jetzt sogar sein Hemd auszog. Tom kam dazu, Christoph konnte die Frau nirgends sehen mit der Tom eben zusammen gesessen hatte. Er stieg zu der Vampirlady mit auf den Tisch und umtanzte sie.
Es waren jetzt vielleicht 20 bis 25 Leute in dem Ballsaal.
Susanna tanzte jetzt mit einem jungen Mann, der als Werwolf verkleidet war. Nach einer Weile zog sie ihn rüber zu den Tischen, wo Christoph sie nicht mehr sehen konnte. Sie kam nach ein paar Minuten wieder auf die Tanzfläche, aber von dem Werwolf fehlte jede Spur. Kurz danach ging Tom wieder, mit der sexy Vampirlady zu den Tischen. Diesmal konnte Christoph sehen, wie Tom mit der Frau redete, mit ihr rumschmuste, sie küsste, dann mit der Hand ihren Mund zu hielt und ihr in den Hals Biss. Kaum jemand achtete auf die beiden und es war zu laut als das jemand den erstickten Schrei der Frau hören könnte.
Und die paar die es sahen waren wohl entweder zu betrunken oder dachten die beiden würden schauspielern. Tom stützte die nun leblose Vampirlady, wie man einen betrunkenen stützen würde und trug sie aus Christophs Blickfeld nach rechts.
Es war für Christoph unverständlich das niemand merkte was da passierte.
Ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken.
Aber dann sah er das doch ein paar Menschen umher liefen, Leute suchten und zum Teil verwirrt wirkten. Es standen nun fünf an der Treppe zum Aufgang und wirkten sehr aufgebracht.
Doch die Mehrheit war immer noch am Feiern. Die drei Vampire tanzten immer ausgelassener und die Menschen mit ihnen, sie merkten kaum das sie immer weniger wurden.
Susanna tanzte nun auch auf einem der Stehtische, Tom tanzte um sie herum, Holger tanzte auf einem Tisch mit zwei Vampirdamen.
Und Susanna hatte ihren Mantel ausgezogen!!!
Doch keiner schien etwas an ihr merkwürdig zu finden, vermutlich dachten die Leute dort, es wäre eine Verkleidung. Um sie herum war eine Art zweiter lederner Mantel geschwungen, der nachtschwarz war. Niemand schien zu bemerken das dieser Mantel sich ihren Bewegungen perfekt anpasste.
Sie war sichtlich erfreut. Christoph konnte das verstehen. Sonst konnte sie niemandem ihr Geheimnis zeigen, kein Mensch außer Christoph wusste davon. Doch hier ging es. Denn die Leute würden denken es wäre nur eine Verkleidung. Aber es war trotzdem riskant...
Ihm kam ein zweiter, erschreckenderer Gedanke. Was, wenn die ganzen Leute hier keine Gelegenheit mehr dazu bekommen würden, etwas über Susannas Aussehen zu erzählen?
Susannas Stimme drang zu seinem Ohr. Sie rief den Leuten zu:
„Ihr Geschöpfe der Nacht, wollt ihr unsterblich sein?“
Die Verkleideten antworteten ausgelassen.
„Ja“
„Wollt ihr unsterblich sein?“
„Jaa“
„Wollt ihr Blut trinken?“
„Jaa“, grölten immer mehr mit.
„Wollt ihr Vampire sein?“
„Jaa“
„Ich frage noch mal, wollt ihr Vampire sein?“
„Jaaaa!“ Alle brüllten jetzt mit.
Nein! dachte Christoph. Sagt doch nicht einfach ja. Seid ihr bescheuert. Sagt doch nicht einfach ja.
Er hörte einen Schrei. Holger hatte sich im Hals einer der Vampirdamen auf dem Tisch festgebissen. Unglaublicherweise feuerten Leute sie an, die dachten es wäre Theater. Einige wichen zurück. Unter die Leute kam Bewegung.
Dann faltete Susanna ihre Flügel, die sie vorher eingehüllt hatten, auseinander. Sie hatte eine Spannweite von mehr als drei Metern. Die Flügel waren denen einer Fledermaus ähnlich. Susanna hatte ein schwarzes Top an, ein T-Shirt konnte sie wegen den Flügeln die aus ihrem Rücken wuchsen nicht tragen, und eine schwarze Jeans.
Viele Leute verstummten plötzlich, jene die Susanna nahe standen wichen erschrocken zurück, andere drängten vor, einige jubelten immer noch. Ein paar applaudierten. Manche tanzten weiter. Die Stimmung änderte sich schlagartig, als Susannas Augen plötzlich weiß waren und sie ihre Vampirzähne ausfuhr. Sie hatte sowohl im Oberkiefer als auch im Unterkiefer ein Paar langer, spitzer Zähne. Und wenn sie das tat, sah ihr Gesicht nicht mehr hübsch aus.
Die Leute kreischten, verfielen in Panik und begannen Richtung Ausgang zu laufen. Nur ein paar begriffen immer noch nicht was los war und tanzten weiter. Susanna schnappte sich den nächst stehenden Herrn und saugte ihm in Sekunden sämtliches Blut aus den Adern, ließ ihn einfach fallen und holte sich den Nächsten. Tom und Holger taten es ihr nach.
Dann packte sich Susanna einen Mann und begann mit ihm zu tanzen. Sie bewegte ihn mit sich zur Musik wie eine Puppe, er machte eine Weile mit, dann versuchte er zu entkommen. Dafür biss sie ihm in den Nacken.
Tom kam zu Susanna. Er begann mit ihr einen wilden Tanz zu tanzen, schneller und eleganter als Menschen es hätten vollbringen können. Sie waren wirklich gut. Es sah etwas skurril aus, da Susanna zuweilen ihre Flügel mit einbezog. Sie tanzten über die ganze Tanzfläche, sprangen ab und an auf einen der Tische und schnappten sich zwischendurch einen von den Menschen, um ihnen das Blut auszusaugen.
Selbst jetzt standen Leute da und applaudierten.
Trotz des Schreckens fühlte Christoph Eifersucht in sich aufsteigen. Tom machte sich ziemlich offensichtlich an Susanna ran. Und er machte es auch noch gut.
Die Tür erzitterte, als Menschen dagegen anrannten und versuchten sie aufzumachen. Christoph wusste nicht ob er die Tür aufmachen sollte. Er sollte ihnen helfen, doch dann würden seine Freunde und er Probleme bekommen, wahrscheinlich ins Gefängnis wandern. Und sie waren ja selber Schuld! Wenn sie einfach ja sagten.
Die Leute schrien. Christoph ging zur Tür, aber er hatte ja gar keinen Schlüssel. Er drückte die Klinke und zog, doch das half natürlich nichts.
„Macht auf“, schrie jemand direkt hinter der Tür. Dann hörte er ein gurgelndes erstickendes Geräusch.
Christoph lief wieder zum Fenster, als in dem Raum die Lichter ausgingen. Nur die paar Friedhofskerzen auf den Tischen gaben etwas Licht. Ansonsten war es dunkel. Wieder ein Schmerzensschrei. Sie spielten mit den Leuten. Christoph war entsetzt. Wie eine Katze mit einer Maus spielt. Manchmal hörte er Susanna ihre Flügel schlagen.
Die Menschen versuchten in der Nähe der Kerzen zu bleiben.
Christoph sah wie ein Mensch auf einen anderen einschlug, der als Vampir verkleidet war.
Der fiel auf den Tisch, wo immer noch Christophs Zorro-Maske lag und stieß die Friedhofskerze um. Das Tischtuch fing Feuer und die Maske und der Umhang des Mannes der mit dem Rücken auf dem Tisch lag, kam damit in Berührung. In ein paar Sekunden brannte der ganze Umhang. Der Mann lief in Panik durch den Raum und erhellte die Umgebung, wie eine lebende Fackel. Er stolperte über die am Boden liegenden Menschen, keiner half ihm. Schließlich wurde er gepackt und auf einen anderen Tisch gezogen. Es war Susanna.
Es dauerte noch bis die letzten Schreie verstummten. Die beiden Tische die brannten erhellten nun den Raum in einem rötlichen Schein. Überall lagen Menschen. Es lief etwas von Apocalyptica. Susanna mochte die Musik. Sie tanzte wieder mit Tom, zu den Geigentönen.
Christoph ballte seine Hände zu Fäusten, als Tom versuchte Susanna näher zu kommen. Sie tanzten gerade auf einem der Stehtische. Susanna beendete ihren Tanz indem sie von dem Stehtisch runter hüpfte und dabei mit einem ihrer Flügel den Tisch unter Toms Füßen wegfegte. Der Tisch flog drei Meter, und Tom landete unsanft auf dem Hintern.
Christoph konnte sich trotz allem ein kichern nicht verkneifen. Er musste sich seiner Erleichterung Luft machen.
Tom zeigte seinen Mittelfinger zu dem Fenster, wo Christoph stand. Christoph war nicht all zu sehr überrascht. Er hatte schon vermutet das sie wussten, das er hier war.
„Fick dich selbst.“, sagte er.
„Machst du ihm die Tür auf?“ fragte Susanna Tom.
„Natürlich“, sagte er mit übertriebener Freundlichkeit.
„Susanna was sollte das hier?“, fragte Christoph, während er noch die Treppe zum Ausgang hinunter gelaufen kam. Er war aufgebracht, wütend über was sie getan hatten. Er fühlte sich hintergangen.
„Wieso? Wir haben uns an die Abmachung gehalten. Wie wir aus gemacht haben, habe ich sie gefragt ob sie Vampire werden wollen... und sie haben alle mit „ja“ geantwortet...“
„Aber... ihr könnt doch nicht... die haben das doch nicht ernst genommen. Außerdem waren die meisten ziemlich betrunken.“ Christoph ballte die Hände zu Fäusten.
„Na und“, entgegnete Holger, „was kümmert uns das denn? Die Hauptsache ist das sie „ja“ gesagt haben. Das war die Abmachung!“
„Sie wussten doch gar nicht wo rauf sie sich damit einlassen.“, sagte Christoph.
„Auf Vampire.“
„Und wo sind eigentlich die Wachleute?“
Betretenes Schweigen seitens der Vampire.
„Die habt ihr auch umgebracht!“
„Nein Christoph...“
„Ja Christoph!“, fiel Tom Susanna ins Wort, „wir haben sie alle umgebracht, wir sind Massenmörder. Du hast eine Massenmörderin zur Freundin! Vielleicht solltest du dir jemand anderes suchen.“
Christoph schrie ihn an: „Halts Maul!“ Er wusste das Tom genau darauf aus war. Was er sagte schmerzte. Etwas in seinem Inneren wollte schreien Nein! Nein! Ist sie nicht! Doch seine Augen sahen das es anders war.
Vor Wut drohte er Tom mit der Faust. Tom kam ihm grinsend, herausfordernd näher.
„Jetzt macht mal halb lang“, rief Susanna den beiden zu, “Tom du kannst schon mal anfangen hier aufzuräumen! Die müssen alle ganz nach unten, in den untersten Raum vom Schloss. Da wird keiner nach ihnen suchen.“
Tom warf ihr einen bösen Blick zu, ordnete sich ihr aber dann unter und nahm zwei von den Toten auf und brachte sie hinaus.
„Diese Menschen sind nicht tot und das weißt du!
Das wir sie zu Vampiren gemacht haben war das Beste was ihnen passieren konnte. Sie werden wohl für eine Weile schlafen, das ist wahr, aber sie sind nicht tot!“
„Jeder Mensch wird sie aber für tot halten“, gab Holger zu bedenken.
„Sie sind es aber nicht. Ich bin keine Mörderin!“, rief sie mit Nachdruck „Wenn sie aufwachen, wird es ihnen besser gehen.“
Christoph: “Aber wann wird das sein, Susanna, in zehn oder hundert Jahren?“
„Weiß ich nicht, aber sie werden dann stärker sein und noch mindestens 500 Jahre leben. Sie werden so gut wie unsterblich sein, welcher Mensch wünscht sich das nicht?“
„Ja toll, aber sie werden auch Blut trinken müssen.“
„Es muss ja nicht unbedingt Menschenblut sein...“
„Das hast du Holger am Anfang auch gesagt. Und konnte er sich daran halten?“
„Ich könnte wahrscheinlich schon“, warf Holger ein „Menschenblut schmeckt halt am besten, aber möglich wäre es schon, ohne aus zu kommen.“
„Das hat aber mal ganz anders geklungen Holger. Es verändert euren Charakter. Ihr merkt das nicht mal“, Christoph wirkte verzweifelt. “Du wolltest am Anfang überhaupt niemanden töten. Erinnerst du dich. Und wie viele waren es heute?“
Er zeigte mit dem Arm über die ganzen Menschen die am Boden und teilweise auf Tischen und Bänken lagen.
„Ich bin halt auf den Geschmack gekommen. Und die meisten hier wollten wirklich Vampire werden. Manche hier haben sich ja sogar schon für Vampire gehalten. Die haben bestimmt so schon Blut getrunken.“
„Darum geht’s jetzt nicht.“
„Christoph“, es war Susanna, „die meisten hier fanden es gut das wir sie zu Vampiren gemacht haben. Da bin ich sicher.“
„Und selbst wenn, es sind einfach zu viele. Ich dachte ihr wolltet nur ein paar zu Vampiren machen... aber das hier“, er schaute sich wieder um, insgesamt mussten sie an die 40 vielleicht sogar mehr ausgesaugt haben, „das sind einfach zu viele. Das könnt ihr nie vertuschen, die Polizei wird hinter euch her sein.“
„Dann müssen wir sie und uns halt für eine Weile verstecken.“ Sagte Susanna.
Christoph hätte vor Wut heulen können bei der Aussage.
„Du stellst dir das so einfach vor!“, schrie er. „Wo wollt ihr die alle verstecken?“
„Unter dem Schloss. Da gibt es Räume von denen kein Mensch mehr weiß das sie existieren.“
„Und ihr wollt für die nächsten Jahre auch in den Räumen da bleiben oder was?“
„Nein. Wir schaffen es auch so unerkannt zu bleiben.“
„Ach so, natürlich. Könnte es sein das du dir das etwas einfach vorstellst?“
„Könnte sein, wir werden es heraus finden.“
„Und was ist mit mir, Susanna?“
„Du solltest hier langsam mal verschwinden, bevor die Polizei hier ankommt, uns ist vorhin ein Typ entwischt. Der wird wohl zur Polizei gegangen sein. Ich kann schon eine Sirene hören.“
„Ich hör sie noch nicht. Ist noch weit weg.“, meinte Holger. „Wir sollten jetzt aber echt aufräumen.“ Er nahm sich einen Eimer, füllte ihn an der Theke mit Wasser und begann den Tisch zu löschen der immer noch brannte.
„Eins will ich aber noch wissen. Warum müsst ihr die so quälen bevor ihr sie tötet?“
Susanna lächelte: „Es ist das Adrenalin, Christoph. Deswegen jage ich ihnen gerne einen kleinen Schreck ein, bevor ich ihr Blut trinke. Das Adrenalin ist wie ein gutes Gewürz, und es steckt viel Energie darin. Musst du nicht verstehen.“
„Und das Blut wird wärmer, wenn Menschen Angst haben, es pumpt ja auch schneller.“, sagt Tom, der wiedergekommen war, um die nächsten beiden Toten abzuholen und unter das Schloss zu bringen.
Christoph seufzte. Er wusste nicht was er tun sollte.
„He Christoph!“ sagt Susanna, während sie begann die Toten alle auf einen Haufen neben dem Ausgang zu räumen.
„Es ist doch nur das eine mal jetzt. Einmal im Jahr darf man doch mal seinen Spaß haben und sich satt essen. Dafür sind wir ja jetzt erst mal für die nächsten Monate satt. Das ist doch gut.“
„Ja“ sagte er und schaute ihnen eine Weile zu, wie sie die ausgesaugten Menschen wegräumten. Es waren so viele. Nun hörte er eine einsame Polizeisirene langsam näher kommen.
Er ging hinaus, um Heim zu fahren bevor die Polizei ankommen würde.
Die ganze Zeit hatte er die ganzen verkleideten Menschen vor Gesicht, die auf dem Boden lagen, die kein Blut mehr in ihren Adern hatten, die Gesichter noch verzerrt vor Angst.
Dabei ging ihm ein Gedanke immer wieder durch den Kopf:
Wie wird es sein wenn die alle aufwachen und einmal im Jahr ein Fest machen um sich satt zu trinken?
Aus einer Heidelberger Zeitung,
Rubrik Heiteres und Kurioses:
Gestern Nacht wurden Polizeibeamte zu dem Schloss in Heidelberg gerufen. Ein 34 jähriger Mann stürmte in die Polizeistation. Er behauptete auf dem Schloss würden Vampire ihr Unwesen treiben. Es stellte sich heraus das dort gestern Abend der all jährige „Ball der Vampire“ stattfand. Als zwei der Beamten dort gegen drei Uhr eintrafen war die Veranstaltung schon zu Ende und die meisten (verkleideten) Vampire verschwunden. Wahrscheinlich hat der Herr der behauptete die echten Vampire gesehen zu haben, ein paar „Vampircocktails“ zu viel getrunken. Er selbst war übrigens als Vampirjäger verkleidet und hatte eine Knoblauchkette um den Hals geschlungen.
Die rote Friedhofskerze flackerte, als Christoph mit dem Bein an den niedrigen Tisch stieß. Die Sitzbank war für ihn etwas zu dicht an dem langen Holztisch aufgestellt. Leise fluchend rieb er sich das Knie, der Tisch war recht solide.
Einer von der Sorte die man auch auf öffentlichen Picknickplätzen finden könnte, die Bank war fest am Tisch angebracht und nicht beweglich.
Und diese „Zorro“ - Maske schränkte sein Gesichtsfeld doch etwas ein.
Christoph sippte erst mal einen Schluck von seinem Bier.
Am anderen Ende der Bank saß ein typischer Vampir. Er war ganz in schwarz gekleidet, hatte ein langes schwarzes Cape umgebunden, sein Gesicht war so weiß wie Milch, mit schwarz umrandeten Augen und mit Kunstblut gefärbte Lippen. An den Fingern hatte er künstlich verlängerte klauenartige Nägel. Die künstlichen Vampirzähne aber, lagen vor ihm auf dem Tisch. Der Vampir unterhielt sich angeregt, mit der übergewichtigen Vampir-Dame im schwarzen, halb durchsichtigem Rüschenkleid, die ihm gegenüber saß. Dabei waren ihm die billigen Plastikprothesen wohl doch hinderlich.
Sie unterhielten sich gerade darüber, ob sich Vampire in Fledermäuse verwandeln könnten oder nicht. Die Vampir-Dame trank einen „blutigen Rotwein“ und der Vampir einen „Hexenpunsch“.
Ein als Zombie verkleideter Kellner kam vorbei und nahm die drei leeren Gläser mit, die noch auf dem Tisch rumstanden.
Christoph richtete seinen Blick in sein Bierglas, er beachtete die kunstvolle Dekoration kaum, die den Gewölbekeller schmückte. Spinnweben und Stofffledermäuse hingen von der Decke, Kerzen und gedämmte Lampen sorgten für eine düstere Stimmung. Und es wurde gerade ein Lied nach dem anderen aus dem erfolgreichen Musical „Tanz der Vampire“ gespielt. Vereinzelt tanzten Leute auf der dafür vorgesehenen freien Fläche. Noch war es zu früh und die meisten standen nur am Rand der Tanzfläche an den Stehtischen oder saßen noch an den Holztischen und tranken sich Mut zu.
Christoph hatte gerade andere Gedanken.
Er hoffte das sie es nicht zu doll treiben würden und vor allem das sie sich an ihre Abmachung hielten.
Er trank einen Schluck Bier, als ihm eine Hand auf die Schulter gelegt wurde. Die Hand drückte ein wenig freundschaftlich und streichelte ein wenig über das schwarze Hemd, das er an hatte. Er wusste sofort das es seine Freundin war und rückte gleich etwas weiter die Bank entlang, so das sie sich neben ihn setzen konnte.
Sie setzte sich und fragte ob bei ihm alles klar wäre und lächelte ihn an. Wenn sie so lächelte konnte man die Lücken sehen, die da waren wo normalerweise die Eckzähne sind.
Er mochte ihr Gesicht, mit schwarzen Augen voller Leben, einer nicht zu großen und nicht zu kleinen Nase, dem schmalen Mund. Ihr Teint war ein wenig zu blass, aber ihre Haut gab einen guten Kontrast zu den langen schwarzen Haaren, die über ihre Schultern wallten. Der Rest von ihr war unter einem schwarzem, bis zum Boden reichendem Mantel verborgen.
Ihr lächeln war ehrlich und ansteckend. Sie liebte ihn über alles und er liebte sie.
„Mir geht es gut. Hab mich eben nur ein wenig allein gefühlt, da ihr ja eben alle wo anders unterwegs seid.“
„Tut mir leid. Aber jetzt bin ich ja da. Die anderen beiden müssten auch gleich kommen.“
Sie küsste ihn sanft auf die Lippen.
Als sie ihre Lippen voneinander lösten, saßen ihnen zwei weitere schlecht verkleidete Vampire gegenüber.
„Die kleben mal wieder aneinander.“ Meint der größere, blonde, junge Mann von ihnen zu dem anderen, der auch nicht klein geraten war und einen schwarzen Hut trug, auf dem eine Fledermaus an einem Draht befestigt war.
„Und habt ihr euern Spaß gehabt?“ fragt Susanna über den Tisch.
Tom wurde daraufhin ruhig, aber Holger schien zufrieden mit sich selbst. „Also ich schon“, sagte er und beugte sich über den Tisch, wobei die Fledermaus auf seinem Kopf vor und zurück wippte. „Du hattest recht Susanna“, er schaute kurz zu dem Vampir der mit seinen Plastikprothesen rumspielte und seiner übergewichtigen Begleiterin. Die dicke Vampir-Lady, war gerade dabei ihren Freund zum tanzen aufzufordern. Er schien davon nicht so begeistert.
Holger wandte sich wieder Susanna zu „die Leute hier haben kein Problem damit, die meisten fahren da sogar voll drauf ab.“
„Sag ich doch“ triumphierte Susanna, in Christophs Richtung schauend.
Er zuckte die Schultern.
„Ist ja ok.“, meint dieser, „wenn die das gut finden ist es nicht mein Problem. Haltet euch nur an unsere Abmachung, ja?“
„Natürlich tun wir das.“, antwortete Susanna prompt. Holger nickte eifrig, auch Tom stimmte dem zu.
„Dann ist ja gut.“ sagte Christoph und trank sein Bier leer. „Sieht so aus als bräuchte ich was neues zu trinken.“
„Sieht so aus.“, stimmte Tom zu, „Ich glaub ich nehme mir auch ein Bier, oder vielleicht sollte ich mal so einen blutigen Wein probieren. Ob da echtes Blut drin ist?“
Er winkte den Zombie-Kellner herbei.
„Was wollen die Herren und Damen denn zu trinken?“, fragt der Zombie mit einer leichten Verbeugung.
„Also ich hätte gerne den blutigen Wein, ist da denn echtes Blut drin?“ entgegnet Tom.
„Aber natürlich“, erwiderte der Zombie mit einem Augenzwinkern.
„Ich nehme mir mal so eine Blutcola. “, sagt Christoph, ein Bier wäre ihm lieber gewesen, aber er war an der Reihe zu fahren. Holger bestellte sich einen Vampircocktail und Susanna nahm ebenfalls eine Blutcola.
Christoph holte sein Handy aus der Hosentasche um auf die Uhr zu schauen.
22:30. Langsam wiegten sich die ersten Paare auf der Tanzfläche. Dort tanzte ein Werwolf mit einer Fledermaus, ein Vampirjäger mit einer Knoblauchkette um den Hals mit einer Vampirdame in einem roten Kleid, ein Graf Dracula mit einer recht lebendigen Leiche.
Susanna, die Christophs Blick gefolgt war sagte:
„Ich hoffe du tanzt nachher auch mal mit mir.“
„Das muss ich mir aber noch gut überlegen.“
„Wofür geht man denn auf einen Ball? Doch wohl um zu tanzen, also...“
„Lass mich erst noch meine Cola trinken.“
„Ja, ich hab ja gesagt, nachher erst. Jetzt sind mir da auch noch zu wenig Leute, da fällt man zu sehr auf. Aber, wenn nachher mehr tanzen, dann tanzt du mit mir eine Runde. Sonst muss ich nachher noch mit einem von denen da tanzen“, sie nickte zu Holger und Tom hinüber und grinste ihnen schelmisch zu.
„Ja, mach doch!“ sagte Christoph.
„Oh das wäre ja soo schlimm“, rief Tom über den Tisch, „pass auf Christoph, nachher verlässt sie dich noch wegen mir, wenn du nicht mit ihr tanzt.“
„Ja, das fürchte ich auch,“ dabei behielt Christoph Tom im Auge.
Susanna beugte sich zu Christoph.
„Ich will aber eh viel lieber mit dir tanzen, Christoph. Du kannst bestimmt besser tanzen als die beiden zusammen.“
Alles klar, dachte Christoph und nahm sich vor die Blutcola, welche der Zombiekellner gerade auf den Tisch stellte sehr langsam zu trinken.
Draußen war es kalt. Ein leichter Nieselregen wurde vom kalten Wind über den Schlosshof geblasen. Nicht sehr gemütlich hier draußen. Dennoch trotzte Christoph dem schlechten Wetter. Er brauchte einfach frische Luft. Nicht das es in dem Gewölbe in dem der Ball der Vampire stattfand sehr stickig oder verraucht war. Geraucht werden durfte sowieso nur hier draußen auf dem Hof. So standen ein paar Süchtige unter dem Eingangstor des Schlosses, damit sie wenigstens dem Regen entgingen.
Außerdem wollte er gerne im Auge behalten was die anderen drei hier draußen so machten. Sie waren vorhin wieder verschwunden und er hatte sie in dem Ballsaal nirgends sehen können, also mussten sie hier draußen sein. Aber er wusste nicht ob er wirklich wissen wollte was sie gerade taten. Er hatte schon so seine Vorstellungen.
Christoph rieb sich den Sprühregen aus dem Gesicht, die Zorro-Maske hatte er auf dem Tisch liegen lassen. Die war ihm doch zu sehr im Weg gewesen. Er ging zu den Rauchern unter das große steinerne Tor. Hier konnte er auch dem Wind etwas entkommen.
Grade als er unter dem Tor angekommen war und sich mit dem Rücken zu einer der Mauern gestellt hatte, sah er wie sich eine unscheinbare Tür, fast gegenüber vom Tor, nach außen hin öffnete. Es war zu dunkel und zu weit weg um die Person die heraustrat und schnell die Tür schloss genau zu erkennen. Doch der Hut mit der Fledermaus ließ nur auf Holger schließen, der jetzt über den Hof, in den Schlosskeller eilte. Wenn er Christoph sah, reagierte er nicht darauf.
Christoph sah sich um, keiner von den Leuten die hier standen hatten auf Holger geachtet.
Christoph ging über den Hof auf die Holztür zu. Er drückte die eiserne Klinke und öffnete die Tür weit genug um hinein zu gehen. Er ließ die Tür angelehnt, damit wenigstens etwas Licht von draußen, von den Lampen auf dem Hof herein drang. Er musste einen Augenblick warten, bis sich seine Augen an die Düsternis gewohnt hatten. Vor sich sah er einen schmalen Gang der an einer Wendeltreppe endete. Dies war ein Teil des Schlosses welches normal nicht Besuchern offen stand und im Gang lagen eine Leiter und Kabel herum. Christoph konnte Stimmen von oben hören. Er ging den Gang entlang und stieg die Steinstufen hinauf. Auf der Treppe sah er fast gar nichts, erst als er im ersten Stock angekommen war erhellten Fenster die Räume schwach. Jetzt konnte er deutlich die Stimme einer jungen Frau hören.
„Gerne möchte ich zu einem Vampir werden, wenn du mich zu einem machst.“, sie lachte dabei, wie über einen Scherz. Hier war auch ein schmaler Gang, rechts war eine moderne Tür eingebaut die nicht hierher passte, links ging es zu einem großen Raum mit großen Buntglasfenstern.
Toms Stimme drang durch die Tür: „ Ich kann dir Unsterblichkeit bringen und du kannst natürlich in der Dunkelheit sehen, willst du das?“
„Ja.“, sie klang angeheitert.
„Es wird nur kurz weh tun, aber danach bist du ein echter Vampir.“
„Ja jetzt mach schon“, sie schien ihn zu küssen.
Christoph ging in den Raum links von dem Gang. Trotzdem konnte er den gedämpften Schrei hören, von dem er wusste das er kam. Er wartete. Nach einer Weile machte Tom die Tür auf und war überrascht Christoph in dem Raum zu sehen.
„Was machst du denn hier?“, fragte er. Er schien ziemlich aufgeheitert.
„Nichts.“
„A ja, klar.“
„Was machst du?“, fragte Christoph überflüssiger weise.
„Ich verführe hübsche Frauen“
„...und enttäuscht sie dann.“
„Ach was, ich frage sie immer ob sie ein Vampir werden wollen. Und bis jetzt haben alle ja gesagt. Die meisten sind ja richtig begeistert davon.“ Tom grinste.
„Natürlich, weil sie ja nicht glauben das du sie wirklich zu einem machst.“
„Ist das meine Schuld?“, fragte Tom unschuldig.
„Wo ist Susanna?“
„Da drin.“ Sagte Tom mit einem schmunzeln und hielt die Tür für Christoph weit auf.
Auf dem Boden lag die junge Frau, als Vampir verkleidet. Sie schien Tod, an ihrem Hals waren die zwei Bissspuren die Tom hinterlassen hatte.
„Willst du die jetzt einfach da liegen lassen?“, fragte Christoph.
„Nein ich räume sie gleich weg, ich wollte erst mal wissen wer denn hier draußen herumlungert.“
Er ging zu der Frau hinüber und hob sie hoch. Er trug den scheinbar leblosen Körper wie ein Bräutigam über die Schwelle in einen angrenzenden kleinen Raum. Dort waren keine Fenster, wahrscheinlich war es mal eine Abstellkammer gewesen, und Christoph konnte nichts darin sehen.
„Du hättest mir auch sagen können das der Christoph vor der Tür herumlungert.“ Sagte Tom in dem Raum.
„Du hast nicht gefragt.“, kam Susannas Antwort, „leg sie dahin.“
Dann kam sie heraus.
„Ich glaube nicht das dir das hier gefällt Christoph.“ Sagte sie.
„Nicht wirklich.“
„Es wäre besser, wenn du nicht hier her kommst, nicht das jemand denkt, du hättest irgendwas mit dem verschwinden der Leute zu tun.“ Sie legte einen Arm um ihn und führte ihn hinaus.
„Wie viele, habt ihr schon ... gebissen?“, fragte er während sie die Treppe hinunter gingen. „Ein paar...“ wich Susanna aus.
„Wie viele?“
„Also, ich habe ... elf. Aber sie wollten alle Vampire werden! Ich habe alle gefragt.“
„Langsam müsstest du doch dann satt sein oder?“
„So langsam. Aber ein paar kann ich noch, vielleicht ein oder zwei.“
Christoph seufzte, es würden mehr werden als nur ein oder zwei, er kannte sie.
„Wenn hier noch sehr viel mehr Leute verschwinden, fällt es auf Susanna.“
„Wahrscheinlich tut es das. Deswegen möchte ich auch nicht das du hier rein kommst.“
Sie waren unten auf dem Schlosshof angelangt und Susanna schloss grade die Tür hinter ihnen. Es nieselte immer noch.
Sie gingen halb über den Hof, als Susanna ihn noch mal anhielt. „Ist alles weg?“, fragte sie. Er schaute sich ihr Gesicht an. „Ja“ sagte er. Nicht das es hier aufgefallen wäre, wenn sie noch Blutspuren an den Lippen hätte. Sie küsste ihn flüchtig. Dann gingen sie in den Gewölbekeller.
In dem Ballraum war die Party in vollem Gange. Die Musik war jetzt laut und viele Paare tanzten. Der Alkohol floss und die Stimmung wurde ausgelassener.
„He du hast mir doch versprochen das du mit mir tanzt, mein Lieber.“
„Hab ich das?“, fragte Christoph. Nach dem was er eben gesehen hatte fühlte er sich nicht nach tanzen. „Schau mal da ist Holger.“, fügte er an und wollte zu dem Stehtisch gehen, wo Holger mit ein paar Vampir-Mädels und dem Vampirjäger mit der Kette aus Knoblauchzehen stand. Doch Susanna packte ihn am Arm und zog ihn auf die Tanzfläche.
„Ich kann doch gar nicht tanzen“, protestierte Christoph halbherzig, aber fügte sich ihr. Sie tanzten einen Chacha und einen langsamen Walzer.
„Siehst du, so schlimm ist das nicht. Und du tanzt voll gut.“ Sagte sie. Dabei führte sie eher ihn und nicht umgekehrt, wie es sein sollte.
„Du tanzt aber noch viel besser“, schmeichelte er ihr. Es war schön mit ihr zu tanzen, aber neben ihr fühlte er sich etwas ungelenk, auch weil er an andere Dinge dachte, zum Beispiel was passieren würde wenn hier zu viele Leute vermisst wurden.
Susanna schien sich darüber keine Sorgen zu machen. Sie tanzte mit einer Leichtigkeit und Sinnlichkeit, die kaum zu beschreiben war. Nach einer Weile zog sie ihn in ihren Bann und er ließ sich darauf ein. Sie tat dies nicht um seine Liebe zu gewinnen, er liebte sie auch so. Es war ein erregendes Gefühl das sie allein durch ihre Nähe erzeugen konnte, genau so wie sie das Gegenteil Angst in Menschen erzeugen konnte. Er fühlte ihre angenehme Wärme und vergaß seine Gedanken. Er wollte mehr von ihr. Er zog sie an sich und küsste sie. Sie war einfach unbeschreiblich in jeglicher Weise.
„Ich kann es kaum erwarten bis wir heute zu Hause sind“ flüsterte sie ihm ins Ohr.
Er stimmte ihr zu und wünschte sich das gleiche. Er nahm sein Handy aus der Hosentasche. Es war fast halb zwei. Der Ball ging bis um drei.
„Das dauert noch so lange.“, sagte er zu ihr.
„Sollen wir uns jetzt gleich einen Platz suchen?“, flüsterte sie verführerisch, „Im Schloss gibt es bestimmt was.“
Er nahm ihre Hand und ging mit ihr wieder aus dem Ballsaal.
Der Wachmann sah wie ein junger Mann mit einem Hut mit Fledermaus eine etwas kräftigere Frau über den Schlosshof und durch eine Tür in einen Bereich des Schlosses führte der nicht betreten werden sollte. Er hatte vorhin schon beobachtet wie jemand anderes dort heraus gekommen war. Er ging seinen Pflichten nach, die jungen Leute wieder aus dem Teil des Schlosses hinaus zu scheuchen. Er ging die Wendeltreppe hoch und blieb vor der Tür stehen, hinter der er Stimmen hörte. Diese Tür sollte abgeschlossen sein. Er drückte die Klinke, die Tür glitt zur Seite.
Er sah den jungen Mann und die Frau in einer Umarmung im Raum stehen. Doch etwas irritierte ihn daran. Der Mann stand gebückt und hatte sein Gesicht seitlich am Hals der Frau und in ihren Haaren vergraben. Die Frau zuckte merkwürdig und keuchte, wie unter Schmerzen.
Der Wachmann starrte verwundert. Dann sackte die Frau zusammen. Als Holger sie auf den Boden gleiten ließ sah der Wachmann die Bisswunden in ihrem Hals. Holger sah überrascht auf. Blut rann ihm aus dem Mundwinkel und klebte an seinem Kinn.
„Hallo“, sagte er.
Der Wachmann wurde blass und rannte aus dem Gebäude so schnell er konnte.
Auf dem Hof beruhigte er sich wieder, wohl bewusst das ihn Leute beobachteten.
Er ging zu den Rauchern unter das Tor. Er wollte sie warnen. Aber wovor? Sollte er ihnen sagen das er gerade einen echten Vampir gesehen hatte? Das würde ihm kaum jemand glauben. Wenn seine Glaubwürdigkeit angezweifelt würde, würde er bestimmt seinen Job verlieren.
Desto mehr Zeit verstrich desto unwahrscheinlicher kam ihm das vor, was er gerade gesehen hatte. Vielleicht spielte ihm jemand gar einen Trick. So was wie Versteckte Kamera. Er sah sich um. Er sah keine Kameras.
Er beschloss erst einmal einen Kaffee trinken zu gehen und dann die Sache im Auge zu behalten. Er konnte die Sache immer noch später einem Kollegen erzählen. Es sollte bestimmt ein Scherz sein.
Er ging los, um sich einen Kaffee zu holen.
Gerade als der Wachmann raus auf den Hof gelaufen war, kam Susanna die Wendeltreppe hinunter, ihren Mantel zuknöpfend. Sie hatte ihn aufhalten wollen, aber war zu spät.
Sie ging zu Holger.
„Kannst du nicht aufpassen?“, herrschte sie ihn an, „Warum kommst du hier rein, wenn dich jemand beobachtet? Ihr Jungs seid echt toll! Der erzählt bestimmt bald anderen hier von. Dann werden hier mehr Leute nachschauen kommen.“
„Sorry Susanna, aber ich habe ihn echt nicht gesehen.“
„Weil du nicht geguckt hast. Mann! Wahrscheinlich müssen wir die jetzt wo anders hin räumen.“, sie deutete in Richtung der dunkle Abstellkammer.
Auch Christoph kam nun die Treppe herab. „Was ist passiert?“, fragte er.
„Weil Holger nicht aufpassen konnte war einer von den Wachmännern vom Schloss hier.“
„Is gut jetzt, es war meine Schuld, aber es ist jetzt passiert.“, entgegnete Holger.
„Aber es hätte nicht passieren sollen, Holger“
„Also was machen wir jetzt?“
„Ich habe noch den Schlüssel für die Tür. Aber ich weiß nicht ob die Wachmänner einen Ersatzschlüssel haben.
„Vielleicht sollten wir Heim gehen, Susanna.“, meinte Christoph.
„So lang der Wachmann nichts sagt ist es ja noch ok. Bis jetzt hat er es noch nicht. Vielleicht tut er es gar nicht.“, sagte sie zu Christoph, „und keiner wird ihm glauben.“
„Aber selbst wenn sie ihm nicht glauben wird er sie hier her führen.“, sagte Christoph.
„Wenn wir die Tür abschließen, dann sieht es für anderen Leute so aus als wäre hier nichts passiert. Sie werden schon nicht die Tür aufbrechen“, sagte Holger.
Susanna stimmte dem zu. „Wenn wir die Tür abschließen und den Wachmann etwas im Auge behalten, sollte es gehen.“
„Also, ich wäre echt dafür das wir gehen.“, versuchte Christoph es erneut.
„Wir bleiben nicht mehr lange Christoph.“, sagte Susanna. „Aber wenn du möchtest kannst du schon gehen. Wir müssen das hier dann eh noch aufräumen. Und ich möchte wirklich nicht das du hiermit irgendwie in Verbindung gebracht wirst. Ich denke mal, eine halbe Stunde oder so, bleiben wir noch.“
„Ich bleibe dann auch so lange.“
„Es wäre echt besser, wenn du jetzt schon alleine mit dem Auto heimfährst“, warf Holger ein, „wir können Heim laufen, das ist dann nicht so auffällig.“
„Ja, Holger hat Recht Christoph. Es ist besser wenn du ohne uns fährst. Wir können dann durch den Wald runter in die Stadt laufen.“
„Ich weiß nicht. Vielleicht habt ihr recht.“
„Christoph.“, sagt Susanna, „es ist besser, wenn du fährst, dann kann keiner auf den Gedanken kommen das du was mit den verschwundenen Menschen hier zu tun hättest. Es verschwinden ja noch welche nachdem du gegangen bist.“ Christoph sah die Gier in ihren Augen.
Es würde tatsächlich nicht mehr schön für ihn sein. Die drei würden noch was trinken und er würde wieder nur allein rum stehen.
„Na ja, dann geh ich halt. Aber, ihr macht nicht zu doll.“
„Aber natürlich nicht. Und ich komme dich danach noch mal besuchen.“, sie zwinkerte ihm zu.
Als er die Wendeltreppe runterging hörte Christoph wie die Tür unten aufging. Erschrocken blieb er stehen. Waren das schon die Wachmänner? Sein Herz hämmerte in seiner Brust.
Dann hörte er Toms Stimme und ging weiter die Stufen hinab.
„Hier wären wir“, hörte er Tom. Und ein Mädchen kicherte. „Hier ist es aber echt düster.“ „Komm die Treppe hoch, oben ist es heller... oh Christoph.“ „He“ hörte er das Mädchen, das er kaum erkennen konnte, „ich dachte wir wären hier alleine.“
„Bin schon weg“, raunte Christoph und zog an den beiden vorbei, hinaus auf den Hof. Dabei sah er sich um. Keiner beobachtete ihn, als er aus der Tür heraus kam. Viele Gäste waren schon dabei das Schloss wieder zu verlassen, einige in dem glauben das Verwandte oder Bekannte die mit ihnen hier her gekommen waren schon heim gegangen sein mussten.
Er saß jetzt schon eine viertel Stunde im Auto. Er tappte mit den Fingern auf dem Lenkrad. Der Regen tappte auf das Autodach. Er wischte wieder über die Frontscheibe, die gleich wieder anfing sich zu beschlagen. Sie hatten recht, er sollte heimfahren. Er konnte hier nichts tun. Der Schlüssel steckte bereits im Schloss. Christoph startete das Auto und wartete noch damit die Scheiben einigermaßen frei wurden. Die Uhr am Armaturenbrett zeigte 02:30.
Er konnte gerade wieder durch die Windschutzscheibe sehen, als er bemerkte wie ein Mann aus dem Schloss rannte. Er lief am Parkplatz vorbei. Der Mann, es war der mit der Knoblauchkette, hastete zur Treppe die vom Schloss in die Stadt hinunter führte. Er rannte als wäre ein Geist hinter ihm her und ohne auf die wenigen Leute zu achten, die sich zu Fuß auf den Heimweg machten. Oder ein Vampir, dachte Christoph. Das war nicht gut. Jetzt würde es wirklich nicht mehr lange dauern, bis die Polizei kam. Ob seine Freunde das wussten? Wahrscheinlich. Aber wenn nicht? Sie würden schon selbst klar kommen.
Christoph hatte ein ungutes Gefühl im Bauch. Hielten sie sich an ihre Abmachung? Irgendwie fühlte er sich für die Menschen hier verantwortlich. Er wusste Bescheid.
Ihm fiel ein das er seine Zorro – Maske auf dem Tisch im Gewölbekeller liegen lassen hatte. Dies veranlasste ihn dazu das Auto wieder aus zu machen und zurück zum Schloss zu gehen. Er wollte nur schnell die Maske holen und vielleicht dabei versuchen doch die anderen zum heimgehen zu bewegen.
Dann fiel ihm ein das er wahrscheinlich gar nicht ins Schloss gelassen wird. Er hatte keine Eintrittskarte, genauso wenig wie Susanna, Tom und Holger. Wenn sie welche gekauft hätten wüsste jeder das sie hier waren, das wollte Susanna aus ersichtlichen Gründen nicht. Sie waren vorhin alle durch ein offenes Fenster ins Schloss gekommen und sind von dort auf den Hof und in den Ballsaal gelangt. Für Vampire war es eben kein Problem drei Meter hoch zu springen. Und Susanna hatte Christoph einfach festgehalten und war mit ihm zusammen durch das Fenster gesprungen.
Aber alleine konnte er das natürlich nicht. Er ging trotzdem zum Eingang. Dort stand niemand, er schien Glück zu haben. Er ging schnell durch, niemand war da, um ihn auf zu halten. Er ging über die Brücke und kam zu dem eigentlichen Tor.
Hier war auch niemand, kein einziger Raucher. Es war auch niemand auf dem Hof zu sehen. Hatten schon so viele den Ball der Vampire verlassen?
Christoph steuerte den Gewölbekeller an. Die große Doppeltür war zu. Er drückte die Klinke, aber sie was verschlossen. Was war denn hier los? Von drinnen hörte er Musik und ausgelassene Stimmen.
Es gab ein Fenster links von der Tür. Von dort konnte Christoph nach unten in den Ballsaal schauen. Er konnte nur einen Ausschnitt sehen. Links einen Teil der Tanzfläche, die Stehtische und rechts ein paar von den Holztischen. Die Bar war auf seiner Seite, also direkt unter dem Fenster und nicht zu sehen. Die Tanzfläche war gefüllt, nur noch wenige versuchten zu der rockigen Musik, klassisch zu tanzen. Die meisten tanzten ausgelassen. Ein paar standen an den Stehtischen. Christoph sah Susanna an einem der Stehtische und Holger tanzte wild auf der Tanzfläche. Erst nach einer Weile entdeckte er Tom der mit einer jungen Frau an einem der Holztische saß und an ihr rummachte. Er sah auch seine Maske auf dem Tisch liegen, neben der roten Friedhofskerze.
Er sah auch das rechts, wo die Treppe zum Ausgang hochging, zwei Menschen etwas ratlos rumstanden. Denen war wohl auch schon aufgefallen das die Tür verschlossen war. Sie wurden aber gerade nicht beachtet.
Dann sprang Holger auf einen der Stehtische und tanzte dort. Er musste schon einiges getrunken haben. Susanna hatte ihm mal gesagt das Blut auf Vampire ähnliche Auswirkungen hat wie Alkohol bei Menschen. Wenn sie sehr viel davon tranken wurden sie ausgelassener. Aber Holger hatte ja auch einige Bier getrunken. Christoph war auf jeden Fall etwas überrascht.
Andere stellten sich um den Tisch herum und feuerten ihn an. Es gab auch eine sexy Vampirlady die es ihm gleich tat und auf einen der anderen Stehtische kletterte und ihr Glas Sekt über die Umstehenden verschüttete. Susanna feuerte Holger mit an, der sich jetzt sogar sein Hemd auszog. Tom kam dazu, Christoph konnte die Frau nirgends sehen mit der Tom eben zusammen gesessen hatte. Er stieg zu der Vampirlady mit auf den Tisch und umtanzte sie.
Es waren jetzt vielleicht 20 bis 25 Leute in dem Ballsaal.
Susanna tanzte jetzt mit einem jungen Mann, der als Werwolf verkleidet war. Nach einer Weile zog sie ihn rüber zu den Tischen, wo Christoph sie nicht mehr sehen konnte. Sie kam nach ein paar Minuten wieder auf die Tanzfläche, aber von dem Werwolf fehlte jede Spur. Kurz danach ging Tom wieder, mit der sexy Vampirlady zu den Tischen. Diesmal konnte Christoph sehen, wie Tom mit der Frau redete, mit ihr rumschmuste, sie küsste, dann mit der Hand ihren Mund zu hielt und ihr in den Hals Biss. Kaum jemand achtete auf die beiden und es war zu laut als das jemand den erstickten Schrei der Frau hören könnte.
Und die paar die es sahen waren wohl entweder zu betrunken oder dachten die beiden würden schauspielern. Tom stützte die nun leblose Vampirlady, wie man einen betrunkenen stützen würde und trug sie aus Christophs Blickfeld nach rechts.
Es war für Christoph unverständlich das niemand merkte was da passierte.
Ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken.
Aber dann sah er das doch ein paar Menschen umher liefen, Leute suchten und zum Teil verwirrt wirkten. Es standen nun fünf an der Treppe zum Aufgang und wirkten sehr aufgebracht.
Doch die Mehrheit war immer noch am Feiern. Die drei Vampire tanzten immer ausgelassener und die Menschen mit ihnen, sie merkten kaum das sie immer weniger wurden.
Susanna tanzte nun auch auf einem der Stehtische, Tom tanzte um sie herum, Holger tanzte auf einem Tisch mit zwei Vampirdamen.
Und Susanna hatte ihren Mantel ausgezogen!!!
Doch keiner schien etwas an ihr merkwürdig zu finden, vermutlich dachten die Leute dort, es wäre eine Verkleidung. Um sie herum war eine Art zweiter lederner Mantel geschwungen, der nachtschwarz war. Niemand schien zu bemerken das dieser Mantel sich ihren Bewegungen perfekt anpasste.
Sie war sichtlich erfreut. Christoph konnte das verstehen. Sonst konnte sie niemandem ihr Geheimnis zeigen, kein Mensch außer Christoph wusste davon. Doch hier ging es. Denn die Leute würden denken es wäre nur eine Verkleidung. Aber es war trotzdem riskant...
Ihm kam ein zweiter, erschreckenderer Gedanke. Was, wenn die ganzen Leute hier keine Gelegenheit mehr dazu bekommen würden, etwas über Susannas Aussehen zu erzählen?
Susannas Stimme drang zu seinem Ohr. Sie rief den Leuten zu:
„Ihr Geschöpfe der Nacht, wollt ihr unsterblich sein?“
Die Verkleideten antworteten ausgelassen.
„Ja“
„Wollt ihr unsterblich sein?“
„Jaa“
„Wollt ihr Blut trinken?“
„Jaa“, grölten immer mehr mit.
„Wollt ihr Vampire sein?“
„Jaa“
„Ich frage noch mal, wollt ihr Vampire sein?“
„Jaaaa!“ Alle brüllten jetzt mit.
Nein! dachte Christoph. Sagt doch nicht einfach ja. Seid ihr bescheuert. Sagt doch nicht einfach ja.
Er hörte einen Schrei. Holger hatte sich im Hals einer der Vampirdamen auf dem Tisch festgebissen. Unglaublicherweise feuerten Leute sie an, die dachten es wäre Theater. Einige wichen zurück. Unter die Leute kam Bewegung.
Dann faltete Susanna ihre Flügel, die sie vorher eingehüllt hatten, auseinander. Sie hatte eine Spannweite von mehr als drei Metern. Die Flügel waren denen einer Fledermaus ähnlich. Susanna hatte ein schwarzes Top an, ein T-Shirt konnte sie wegen den Flügeln die aus ihrem Rücken wuchsen nicht tragen, und eine schwarze Jeans.
Viele Leute verstummten plötzlich, jene die Susanna nahe standen wichen erschrocken zurück, andere drängten vor, einige jubelten immer noch. Ein paar applaudierten. Manche tanzten weiter. Die Stimmung änderte sich schlagartig, als Susannas Augen plötzlich weiß waren und sie ihre Vampirzähne ausfuhr. Sie hatte sowohl im Oberkiefer als auch im Unterkiefer ein Paar langer, spitzer Zähne. Und wenn sie das tat, sah ihr Gesicht nicht mehr hübsch aus.
Die Leute kreischten, verfielen in Panik und begannen Richtung Ausgang zu laufen. Nur ein paar begriffen immer noch nicht was los war und tanzten weiter. Susanna schnappte sich den nächst stehenden Herrn und saugte ihm in Sekunden sämtliches Blut aus den Adern, ließ ihn einfach fallen und holte sich den Nächsten. Tom und Holger taten es ihr nach.
Dann packte sich Susanna einen Mann und begann mit ihm zu tanzen. Sie bewegte ihn mit sich zur Musik wie eine Puppe, er machte eine Weile mit, dann versuchte er zu entkommen. Dafür biss sie ihm in den Nacken.
Tom kam zu Susanna. Er begann mit ihr einen wilden Tanz zu tanzen, schneller und eleganter als Menschen es hätten vollbringen können. Sie waren wirklich gut. Es sah etwas skurril aus, da Susanna zuweilen ihre Flügel mit einbezog. Sie tanzten über die ganze Tanzfläche, sprangen ab und an auf einen der Tische und schnappten sich zwischendurch einen von den Menschen, um ihnen das Blut auszusaugen.
Selbst jetzt standen Leute da und applaudierten.
Trotz des Schreckens fühlte Christoph Eifersucht in sich aufsteigen. Tom machte sich ziemlich offensichtlich an Susanna ran. Und er machte es auch noch gut.
Die Tür erzitterte, als Menschen dagegen anrannten und versuchten sie aufzumachen. Christoph wusste nicht ob er die Tür aufmachen sollte. Er sollte ihnen helfen, doch dann würden seine Freunde und er Probleme bekommen, wahrscheinlich ins Gefängnis wandern. Und sie waren ja selber Schuld! Wenn sie einfach ja sagten.
Die Leute schrien. Christoph ging zur Tür, aber er hatte ja gar keinen Schlüssel. Er drückte die Klinke und zog, doch das half natürlich nichts.
„Macht auf“, schrie jemand direkt hinter der Tür. Dann hörte er ein gurgelndes erstickendes Geräusch.
Christoph lief wieder zum Fenster, als in dem Raum die Lichter ausgingen. Nur die paar Friedhofskerzen auf den Tischen gaben etwas Licht. Ansonsten war es dunkel. Wieder ein Schmerzensschrei. Sie spielten mit den Leuten. Christoph war entsetzt. Wie eine Katze mit einer Maus spielt. Manchmal hörte er Susanna ihre Flügel schlagen.
Die Menschen versuchten in der Nähe der Kerzen zu bleiben.
Christoph sah wie ein Mensch auf einen anderen einschlug, der als Vampir verkleidet war.
Der fiel auf den Tisch, wo immer noch Christophs Zorro-Maske lag und stieß die Friedhofskerze um. Das Tischtuch fing Feuer und die Maske und der Umhang des Mannes der mit dem Rücken auf dem Tisch lag, kam damit in Berührung. In ein paar Sekunden brannte der ganze Umhang. Der Mann lief in Panik durch den Raum und erhellte die Umgebung, wie eine lebende Fackel. Er stolperte über die am Boden liegenden Menschen, keiner half ihm. Schließlich wurde er gepackt und auf einen anderen Tisch gezogen. Es war Susanna.
Es dauerte noch bis die letzten Schreie verstummten. Die beiden Tische die brannten erhellten nun den Raum in einem rötlichen Schein. Überall lagen Menschen. Es lief etwas von Apocalyptica. Susanna mochte die Musik. Sie tanzte wieder mit Tom, zu den Geigentönen.
Christoph ballte seine Hände zu Fäusten, als Tom versuchte Susanna näher zu kommen. Sie tanzten gerade auf einem der Stehtische. Susanna beendete ihren Tanz indem sie von dem Stehtisch runter hüpfte und dabei mit einem ihrer Flügel den Tisch unter Toms Füßen wegfegte. Der Tisch flog drei Meter, und Tom landete unsanft auf dem Hintern.
Christoph konnte sich trotz allem ein kichern nicht verkneifen. Er musste sich seiner Erleichterung Luft machen.
Tom zeigte seinen Mittelfinger zu dem Fenster, wo Christoph stand. Christoph war nicht all zu sehr überrascht. Er hatte schon vermutet das sie wussten, das er hier war.
„Fick dich selbst.“, sagte er.
„Machst du ihm die Tür auf?“ fragte Susanna Tom.
„Natürlich“, sagte er mit übertriebener Freundlichkeit.
„Susanna was sollte das hier?“, fragte Christoph, während er noch die Treppe zum Ausgang hinunter gelaufen kam. Er war aufgebracht, wütend über was sie getan hatten. Er fühlte sich hintergangen.
„Wieso? Wir haben uns an die Abmachung gehalten. Wie wir aus gemacht haben, habe ich sie gefragt ob sie Vampire werden wollen... und sie haben alle mit „ja“ geantwortet...“
„Aber... ihr könnt doch nicht... die haben das doch nicht ernst genommen. Außerdem waren die meisten ziemlich betrunken.“ Christoph ballte die Hände zu Fäusten.
„Na und“, entgegnete Holger, „was kümmert uns das denn? Die Hauptsache ist das sie „ja“ gesagt haben. Das war die Abmachung!“
„Sie wussten doch gar nicht wo rauf sie sich damit einlassen.“, sagte Christoph.
„Auf Vampire.“
„Und wo sind eigentlich die Wachleute?“
Betretenes Schweigen seitens der Vampire.
„Die habt ihr auch umgebracht!“
„Nein Christoph...“
„Ja Christoph!“, fiel Tom Susanna ins Wort, „wir haben sie alle umgebracht, wir sind Massenmörder. Du hast eine Massenmörderin zur Freundin! Vielleicht solltest du dir jemand anderes suchen.“
Christoph schrie ihn an: „Halts Maul!“ Er wusste das Tom genau darauf aus war. Was er sagte schmerzte. Etwas in seinem Inneren wollte schreien Nein! Nein! Ist sie nicht! Doch seine Augen sahen das es anders war.
Vor Wut drohte er Tom mit der Faust. Tom kam ihm grinsend, herausfordernd näher.
„Jetzt macht mal halb lang“, rief Susanna den beiden zu, “Tom du kannst schon mal anfangen hier aufzuräumen! Die müssen alle ganz nach unten, in den untersten Raum vom Schloss. Da wird keiner nach ihnen suchen.“
Tom warf ihr einen bösen Blick zu, ordnete sich ihr aber dann unter und nahm zwei von den Toten auf und brachte sie hinaus.
„Diese Menschen sind nicht tot und das weißt du!
Das wir sie zu Vampiren gemacht haben war das Beste was ihnen passieren konnte. Sie werden wohl für eine Weile schlafen, das ist wahr, aber sie sind nicht tot!“
„Jeder Mensch wird sie aber für tot halten“, gab Holger zu bedenken.
„Sie sind es aber nicht. Ich bin keine Mörderin!“, rief sie mit Nachdruck „Wenn sie aufwachen, wird es ihnen besser gehen.“
Christoph: “Aber wann wird das sein, Susanna, in zehn oder hundert Jahren?“
„Weiß ich nicht, aber sie werden dann stärker sein und noch mindestens 500 Jahre leben. Sie werden so gut wie unsterblich sein, welcher Mensch wünscht sich das nicht?“
„Ja toll, aber sie werden auch Blut trinken müssen.“
„Es muss ja nicht unbedingt Menschenblut sein...“
„Das hast du Holger am Anfang auch gesagt. Und konnte er sich daran halten?“
„Ich könnte wahrscheinlich schon“, warf Holger ein „Menschenblut schmeckt halt am besten, aber möglich wäre es schon, ohne aus zu kommen.“
„Das hat aber mal ganz anders geklungen Holger. Es verändert euren Charakter. Ihr merkt das nicht mal“, Christoph wirkte verzweifelt. “Du wolltest am Anfang überhaupt niemanden töten. Erinnerst du dich. Und wie viele waren es heute?“
Er zeigte mit dem Arm über die ganzen Menschen die am Boden und teilweise auf Tischen und Bänken lagen.
„Ich bin halt auf den Geschmack gekommen. Und die meisten hier wollten wirklich Vampire werden. Manche hier haben sich ja sogar schon für Vampire gehalten. Die haben bestimmt so schon Blut getrunken.“
„Darum geht’s jetzt nicht.“
„Christoph“, es war Susanna, „die meisten hier fanden es gut das wir sie zu Vampiren gemacht haben. Da bin ich sicher.“
„Und selbst wenn, es sind einfach zu viele. Ich dachte ihr wolltet nur ein paar zu Vampiren machen... aber das hier“, er schaute sich wieder um, insgesamt mussten sie an die 40 vielleicht sogar mehr ausgesaugt haben, „das sind einfach zu viele. Das könnt ihr nie vertuschen, die Polizei wird hinter euch her sein.“
„Dann müssen wir sie und uns halt für eine Weile verstecken.“ Sagte Susanna.
Christoph hätte vor Wut heulen können bei der Aussage.
„Du stellst dir das so einfach vor!“, schrie er. „Wo wollt ihr die alle verstecken?“
„Unter dem Schloss. Da gibt es Räume von denen kein Mensch mehr weiß das sie existieren.“
„Und ihr wollt für die nächsten Jahre auch in den Räumen da bleiben oder was?“
„Nein. Wir schaffen es auch so unerkannt zu bleiben.“
„Ach so, natürlich. Könnte es sein das du dir das etwas einfach vorstellst?“
„Könnte sein, wir werden es heraus finden.“
„Und was ist mit mir, Susanna?“
„Du solltest hier langsam mal verschwinden, bevor die Polizei hier ankommt, uns ist vorhin ein Typ entwischt. Der wird wohl zur Polizei gegangen sein. Ich kann schon eine Sirene hören.“
„Ich hör sie noch nicht. Ist noch weit weg.“, meinte Holger. „Wir sollten jetzt aber echt aufräumen.“ Er nahm sich einen Eimer, füllte ihn an der Theke mit Wasser und begann den Tisch zu löschen der immer noch brannte.
„Eins will ich aber noch wissen. Warum müsst ihr die so quälen bevor ihr sie tötet?“
Susanna lächelte: „Es ist das Adrenalin, Christoph. Deswegen jage ich ihnen gerne einen kleinen Schreck ein, bevor ich ihr Blut trinke. Das Adrenalin ist wie ein gutes Gewürz, und es steckt viel Energie darin. Musst du nicht verstehen.“
„Und das Blut wird wärmer, wenn Menschen Angst haben, es pumpt ja auch schneller.“, sagt Tom, der wiedergekommen war, um die nächsten beiden Toten abzuholen und unter das Schloss zu bringen.
Christoph seufzte. Er wusste nicht was er tun sollte.
„He Christoph!“ sagt Susanna, während sie begann die Toten alle auf einen Haufen neben dem Ausgang zu räumen.
„Es ist doch nur das eine mal jetzt. Einmal im Jahr darf man doch mal seinen Spaß haben und sich satt essen. Dafür sind wir ja jetzt erst mal für die nächsten Monate satt. Das ist doch gut.“
„Ja“ sagte er und schaute ihnen eine Weile zu, wie sie die ausgesaugten Menschen wegräumten. Es waren so viele. Nun hörte er eine einsame Polizeisirene langsam näher kommen.
Er ging hinaus, um Heim zu fahren bevor die Polizei ankommen würde.
Die ganze Zeit hatte er die ganzen verkleideten Menschen vor Gesicht, die auf dem Boden lagen, die kein Blut mehr in ihren Adern hatten, die Gesichter noch verzerrt vor Angst.
Dabei ging ihm ein Gedanke immer wieder durch den Kopf:
Wie wird es sein wenn die alle aufwachen und einmal im Jahr ein Fest machen um sich satt zu trinken?
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Vampire in Heidelberg 1
shira, 19:48h
Das Jahr 2000, Heidelberg.
Sie saß auf dem Bett in ihrem Zimmer. Und hatte keine Ahnung wie sie das zu Papier bringen sollte, was sie im Kopf hatte. Sie tippte Buchstaben in ihren Laptop. Wörter, Sätze, Zeilen. Doch sie ist keine geborene Schriftstellerin. Stephen King ist ein geborener Schriftsteller, und ihr Lieblingsautor. Während sie versucht eine Geschichte zusammen zu bringen, fängt einer ihrer Eckzähne an weh zu tun. So doll, das sie die Hand zum Mund nehmen muss. Es ist der obere rechte Eckzahn, der jetzt schon seit zwei Tagen schmerzt. Sie fühlt mit der Zunge nach dem Zahn. Gewackelt hatte er bis jetzt noch nicht. Jetzt tut er es, wenn sie mit der Zunge darüber fährt.
Sie steht auf und geht ins Bad, wo über dem Waschbecken ein Spiegelschrank hängt.
Bevor sie ihren Zahn begutachtet schaut sie sich selber an, zu helle Haut, grüne Augen mit zu kräftigen schwarzen Augenbrauen und eine Brille auf der Nase. Nicht gerade das schönste Gesicht das einem begegnen konnte. Die schulterlangen schwarzen Haare waren da schon besser. Sie beugt sich über das Waschbecken und öffnet den Mund, um mit dem Finger an dem Eckzahn zu wackeln. Es schmerzt, doch so ein wackelnder Zahn hat auch seine Faszination für sich. Sie überlegt sich ob sie zum Zahnarzt gehen sollte. Eigentlich hat sie bis jetzt noch keine Probleme mit ihren Zähnen gehabt, hundertprozentig Gerade sind sie nicht, aber eine Zahnspange war nicht von Nöten und gebohrt werden musste zum Glück noch nie.
Sie schmeckte Blut und sah es auch an der Grenze von Zahn und Zahnfleisch entlang rinnen. Erst war sie nicht sicher was sie schmeckte, da es merkwürdig anders war, anders konnte sie das nicht beschreiben. Merkwürdig anders, als sie es erwartet hatte, süßer als sie es gewohnt ist.
Vielleicht war es auch eine Nebenwirkung der Schmerzen. Diese waren nicht unerträglich, ein ziehen in der Zahnwurzel, ein nerviges Drücken das nicht mehr aufhören wollte.
Wieder drückte sie mit dem Finger zu, um den Zahn zum wackeln zu bringen, doch dadurch wurde der halt vollends gelockert. Der Zahn viel ins Waschbecken.
Sie atmete erleichtert aus, denn die Schmerzen waren mit dem Zahn gegangen.
Die Lücke war natürlich unschön, zumal es etwas mehr blutete. Sie nahm den Zahn aus dem Waschbecken und spülte ihn unter Wasser ab und betrachtete ihn kurz. Dann legte sie ihn weg und spülte ihren Mund aus.
Noch weiter über das Waschbecken gebeugt untersuchte sie die neue Lücke. Beim näheren hinschauen, sah sie etwas weißes, ein neuer Zahn schien den alten heraus gedrückt zu haben. Sie hatte schon davon gelesen, das manche Menschen dritte Zähne bekommen. Auf jeden Fall war es besser, als eine Lücke. Er lugte gerade so aus dem Loch, sie fühlte mit dem Finger danach und merkte das dieser um einiges spitzer war, als der alte Zahn.
Sie merkte auch, das sich bei ihrem anderen oberen Eckzahn auch ein dritter Zahn ankündigte. Der linke Eckzahn wackelte zwar noch nicht, aber ein leichtes drücken war schon zu spüren.
Ein paar Wochen später.
Susanna ist bei einem guten Freund zu Besuch. Ihre WG-Mitbewohner Russland und Holger sind auch da.
Sie schauten sich zusammen einen Film an und es war ein gemütlicher Dienstagabend.
Christoph war für Susanna mehr als nur ein guter Freund, sie liebte ihn. Doch sie ist eine schüchterne Frau und will nicht ihre Freundschaft aufs Spiel setzen, wegen ihren Gefühlen zu Christoph, auch wenn es manchmal scheint, das Christoph auch an ihr interessiert wäre.
Jedenfalls vertraute Susanna Christoph. Christoph war eine sehr hilfsbereite Person, der einem kaum eine Bitte abschlagen würde. Er hatte die Gabe den Menschen richtig zuzuhören, was nur wenige schaffen.
Im Moment hatte Susanna nicht viele Freunde, und keinen anderen wie Christoph, mit dem sie über vieles reden konnte.
Deswegen entschied sie sich an diesem Abend Christoph zu erzählen was sie zur Zeit so beunruhigte. Sie entschloss sich etwas länger zu bleiben als die anderen, auch wenn das bedeutete das sie heute Nacht nach Hause laufen musste. Das Haus von Christophs Eltern stand in einem Vorort von Heidelberg, sie würde eine Stunde laufen müssen um zu ihrer eigenen Wohnung zu kommen. Normalerweise nahm Russland sie in seinem Auto mit. Susanna selber hatte aus finanziellen Gründen noch keinen Führerschein gemacht.
Russland wollte erst auf Susanna warten, doch Susanna machte ihm klar das sie nur mit Christoph sprechen möchte. Christoph schien etwas verwundert, normalerweise war Susanna nicht so darauf erpicht nur mit ihm alleine zu reden, doch er war auch Neugierig, was sie ihm zu sagen hatte.
Susanna setzte sich auf das Sofa im Wohnzimmer. Christophs Eltern waren schon in ihrem Bett, sie würden nicht rein platzen. Sie hielt ihr Glas Cola in der Hand und drehte es, starrte darauf. Christoph setzte sich ihr gegenüber auf einen Sessel.
„Also? Was gibt es?“ fragte er.
Susanna wusste nicht genau, wie sie das anfangen sollte. Es war ein schwieriges Thema.
Sie schaute auf, in seine Augen, und wieder auf das Glas Cola in ihrer Hand, als ob daran etwas interessantes wäre.
„Also ... “ stammelte sie. Sie ärgerte sich über sich selbst, sie hatte sich vorher überlegt, was sie ihm sagen wollte. Jetzt war sie unentschlossen ob das wirklich das richtige war. Vielleicht wäre ein Psychologe für sie die bessere Anlaufstelle.
Christoph hob die Augenbrauen und wartete ab.
„Ich muss ehrlich sagen, ich weiß nicht so richtig wie ich dir das sagen soll, was ich sagen will.“ , brachte sie hervor. „Es ist alles so komisch grade... Ich weiß nicht ob es richtig ist dir das zu sagen... vielleicht spinne ich auch nur.“
Nach einer ungemütlichen Pause sagt er: „Na ja, solange du mir nicht sagst was es ist, kann ich das nicht beurteilen.“
„Kannst du das dann bitte für dich behalten? Das wäre mit wichtig.“
„Natürlich.“ Sagt Christoph, er beugt sich in seinem Sessel vor und stützt sich mit den Ellbogen auf den Oberschenkeln ab. „Jetzt sag schon, was ist los? Du machst mich neugierig.“
„Also... seit einiger Zeit passiert irgendwie was komisches... mit mir. Und ich weiß nicht genau was es ist. Vielleicht eine Krankheit. Ich weiß nicht weiter. Ich mein, ich habe bis jetzt noch mit niemandem darüber geredet. Vielleicht kann ein Außenstehender, wie du das besser interpretieren.“ Sagt Susanna und merkt selber das sie nur drumherum redet und nicht auf den Punkt kommt.
Sie schaut von ihrem Glas hoch, um Christophs Reaktion abzuschätzen. Er wartet darauf, das sie mehr erzählt.
Susanna widmet sich wieder ihrem Glas während sie weiter erzählt. „Ich kann wieder besser sehen. Ich war letztens beim Augenarzt, weil ich nicht mehr sehr gut durch meine Brille gesehen habe, du weißt ja, ich bin stark kurzsichtig. Jedenfalls, war ich beim Arzt, weil ich dachte es wäre schlimmer geworden. Allerdings stellte der Doktor fest, das meine Sehstärke sich um einiges verbessert hat, fast um 50%. Deswegen bekomme ich jetzt eine neue Brille, morgen sollte die fertig sein.“ Susanna kann ihre Freude darüber kaum unterdrücken.
„Das ist doch toll, Susanna!“ sagt Christoph und lächelt Susanna an. „Und das wolltest du mir jetzt unbedingt alleine sagen?“
„Nein, das ist nicht alles. Es ist toll, ja, aber eben nicht alles.“
„Das dachte ich mir schon.“
„Ich weiß auch nicht ob das damit im Zusammenhang steht, jedenfalls sind mir vor etwa einer Woche die beiden Eckzähne ausgefallen und darunter sind mir neue nachgewachsen.“
„Neue echt? Ist ja interessant. Russland hatte mir letztens schon erzählt das du an Zahnschmerzen leidest.“
„Jetzt nicht mehr, ich denke es waren nur die Eckzähne, oben die beiden sind ausgefallen, erst der rechte, ein paar Tage später der linke.“ Sagt Susanna.
„Aber ich denke nicht das es irgendwie bedenklich ist, ich habe schon von anderen Leuten gehört, das ihnen dritte Zähne nachgewachsen sind. Zeig mal dein.“ Forderte er Susanna auf.
„Nein, lass mal., also man sieht so eigentlich nur die Löcher.“
„Ja die sind mir auch schon aufgefallen. Die dritten Zähne wachsen wohl noch nach was?“
„Das ist ja das komische daran. Die kommen irgendwie nicht aus dem Oberkiefer raus. Zumindest nicht so. Aber, das ist wirklich das komische, ich kann sie irgendwie ausfahren. Und die sehen auch etwas anders aus, als die Eckzähne die ich vorher da hatte.“
„Wie meinst du das? Du kannst die ausfahren?“
„Du glaubst mir nicht...“
„Doch! Aber ich kann mir das gerade nicht so richtig vorstellen. Zeig doch mal was du meinst.“
„Nein, ich ... ich will das nicht zeigen, es sieht nicht schön aus.“ Meint sie, etwas hin und hergerissen, ob sie Christoph das zeigen sollte oder nicht. Sie wollte auf keinen Fall das er vor ihr Angst bekommen würde.
„Ach Susanna, das macht doch bei mir nichts. Ich sag es auch niemandem weiter, wie schon versprochen.“
„Hmm..“
Christoph schaute sie auffordernd an.
„Na gut. Aber nicht das du mich deswegen dann nicht mehr magst...“
„Du machst dir zu viele Gedanken Susanna.“
„Na ja...“
Susanna öffnete den Mund zu einem etwas verzerrtem Lächeln und zog die Lippe hoch. In der oberen Reihe waren deutlich die beiden Lücken, anstelle der Eckzähne zu sehen.
Dann fuhr sie die längeren und spitzeren Eckzähne aus. Sie schienen auch dünner, ähnlich Giftzähnen einer Schlange gebaut. Schnell fuhr Susanna sie wieder ein und blickte wieder ihr noch volles Cola-Glas an.
„Ok, von so etwas habe ich noch nicht gehört.“ Gab Christoph zu, der sich im Sessel zurücklehnt und nachdenklich scheint.
„Es sieht wirklich etwas merkwürdig aus, Susanna.... Aber ich mag dich immer noch.“
Als Susanna wieder aufschaute blinzelte er ihr zu. Sie schien sichtlich erleichtert, das sie ihm das gesagt hatte.
„Sehen aus wie Vampirzähne“
„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen.“ Murmelt Susanna mit einer ernsten Miene.
Dieser Bemerkung folgte eine Weile Stille. Beide waren in ihren Gedanken versunken. Christoph fühlte sich nun etwas unsicher, auch wenn es Unsinn war. Nicht wegen Susanna, aber wegen der Möglichkeit des Unmöglichen.
„Ich habe das Gefühl das ich mehr kann, also, körperlich.“ Erzählt Susanna weiter, jetzt wollte sie alles erzählen. „Ich meine, ich mache nicht viel Sport. Das weißt du ja. Letzte Zeit habe ich aber das Gefühl das ich besser werde, ausdauernder, aber das könnte jetzt auch subjektiv sein. Ich habe es nicht überprüft.“
Sie macht eine kurze Pause.
„Und dann ist da noch etwas. Das ist irgendwie das schlimmste.“ Sagt sie und schluckt danach, als ob ihre Kehle zugeschnürt wäre, bei dem Gedanken.
„Es ist...“ sie bricht ab, überlegt es sich anders. Sie steht auf. „Komm, ich möchte sehen ob du das auch siehst. Vielleicht spinne ich auch echt, wer weiß?“ sagt sie mit einem merkwürdigem Ton.
Christoph steht auf, fasst widerwillig. Irgendwie hatte er auf einmal das Gefühl das er das gar nicht wissen wollte, nicht wenn er sich sein heiles Weltbild bewahren wollte.
Doch er hatte keine andere Wahl. Er folgte Susanna durch den Flur ins Bad, in dem ein großer Wandspiegel an der Wand hing.
Er stellte sich neben sie vor den Spiegel. Es waren zwei Waschbecken nebeneinander unter dem Spiegel angebracht.
„Fällt dir irgendetwas auf?“ fragte Susanna mit einem merkwürdigem Unterton in ihrer Stimme. Sie hatte Angst. Sie wollte gar nicht, das Christoph etwas sieht. Zumindest jetzt, wollte sie lieber verrückt sein.
Christoph sah in den Spiegel. Auf den ersten Blick viel ihm nichts auf. Das Licht im Bad war hell. Er sah sich deutlich im Spiegel, wie alles andere auch. Es schien kein Unterschied zwischen seinem Abbild und Susannas. Bei genauerem hinschauen dachte er das um Susannas Kopf die Umrisse etwas unscharf wirkten, aber das konnte er auf seine Müdigkeit schieben. Immerhin war es fast 1 Uhr nachts.
„Mir fällt jetzt nichts so besonderes auf, ehrlich gesagt.“ Sagte er vorsichtig. In ihm stiegen Zweifel auf, wollte Susanna ihn verarschen?
Susanna ging einen Schritt zurück, so das sie mit dem Rücken an der Wand stand. „Komm auch hier her“ forderte sie ihn auf. Er machte auch einen Schritt rückwärts, so das er neben ihr an der Wand stand und kam sich da etwas komisch vor.
Jetzt wirkte die Unschärfe deutlicher um Susannas Kopf und Hände. Da wo ihre Kleider waren, war es so wie bei ihm, doch das Gesicht von Susanna wirkte im Spiegel aufgelöster.
„Siehst du das?“ fragte Susanna. „Das ich irgendwie nicht so deutlich abgebildet werde, wie du?“
Christoph schüttelte ungläubig den Kopf. „Das könnte auch das Licht sein. Stell dich mal hier hin.“ Sagte er und wechselte mit Susanna die Seiten. Doch das Bild blieb gleich.
„Du siehst es, oder?“ fragte sie fast ängstlich. Christoph lief ein Schauer über den Rücken.
„Ja.“ Sagte er schließlich.
„Weißt du was das sein könnte?“ fragt Susanna, als ob Christoph das wissen könnte.
„Nein, ich weiß nicht.“ Sagt er, „Was denkst du?“
„Ich weiß selber nicht was ich denken soll... Ehrlich gesagt, ich habe Angst.“
„Das verstehe ich“ sagte Christoph und legte eine Hand auf ihre Schulter. Im Spiegel war seine Hand seine Hand deutlich abgegrenzt, im Gegensatz zu Susannas Haut. Er schüttelte den Kopf ungläubig. „Aber dafür muss es irgendeine plausible Erklärung geben, Susanna.“
„Das denke ich auch, vielleicht habe ich irgendeine Krankheit, die Zellen verändert, so das Licht anders abgestrahlt wird.“ Versucht es Susanna, auch wenn sie selber weiß, das dies kaum möglich ist. Schließlich studiert sie Biologie.
„Auf jeden Fall wird es langsam schlimmer.“
„Leider kann ich dir da jetzt auch gar nicht weiterhelfen, Susanna, ich weiß nicht ob es sinnvoll ist deswegen zu einem Arzt zu gehen. Ich meine, es behindert dich ja nicht, oder?“
„Nein, nicht wirklich, ich meine das meine Augen besser werden ist ja sehr gut ... ich weiß nicht mal ob das damit zusammenhängt.“ Sie deutet zum Spiegel und geht einen Schritt vorwärts, dann noch einen so das sie direkt am Waschbecken steht. So scheint nichts anders zu sein, alles normal. „Vielleicht ist es doch irgendeine optische Täuschung Susanna.“ Versucht es Christoph, sobald das was unmöglich sein kann, aus den Augen verschwunden ist. „Das hoffe ich auch irgendwie.“, meint sie und geht aus dem Bad über den Flur wieder in das Wohnzimmer.
Eine Weile sitzen die beiden schweigend im Wohnzimmer, Susanna nippt an ihrer Cola und wartet auf Christoph Reaktion auf das ganze.
„Seit wann ist das schon?“ fragt Christoph nach einer Weile.
„Ich weiß nicht genau... aber schon ein paar Monaten jetzt, vielleicht seit dem letzten Urlaub, aber ich bin mir echt nicht sicher... es ist ja nicht so das es auf einmal so ist.
Es kommt so schleichend, das ist mir wirklich unheimlich, Christoph.“
„Ja das kann ich verstehen, in deiner Situation wüsste ich auch nicht was ich machen sollte... Es ist schon merkwürdig.“, er schüttelt dabei wieder den Kopf und schnaubt durch die Nase.
„Was denkst du wäre das beste? Ich weiß grade echt nicht was ich tun soll. Ich versuch mich schon zu informieren, habe mir diverse Bücher geholt über ... na ja.“ Sie wollte es nicht aussprechen, nicht zu Ende denken. Sie versuchte nach außen hin ruhig zu wirken, es war nicht ihre Art Gefühlsausbrüche zu haben. Doch ihre Augen verrieten Christoph ihre Verzweiflung.
„Das wird schon Susanna, wenn du willst helfe ich dir, irgendwie muss sich das doch erklären lassen.“ Versucht Christoph sie zu beruhigen. „Ich werde mich auf jeden Fall auch mal informieren und wenn du irgendwas hast, dann helfe ich dir gerne.“
„Danke. Das ist sehr nett von dir.“ Susanna wirkt etwas erleichtert, „Ich hatte schon Angst, wenn ich dir das zeige... mit den Zähnen und so, na ja, das du dann vielleicht Angst vor mir bekommst oder nichts mehr mit mir zu tun haben willst.“
„Ach was! Susanna, du kennst mich doch. Wegen so etwas lass ich dich nicht im Stich.“ Sagt er etwas lauter, entrüstet über Susannas Aussage, fährt dann aber in einem ruhigerem Ton weiter.
„Ein bisschen unheimlich finde ich die Sache ja schon. Ich glaube das würde jeder. Aber Angst? Vor dir?“ er lachte über den Gedanken. Darüber musste Susanna auch lachen, wenn es auch ein etwas ersticktes Lachen war. Sie war wirklich nicht jemand vor dem man Angst haben musste...zumindest bis jetzt. Sie hörte auf zu lachen und seufzte.
„Na ja, ich denke, ich werde dann mal nach Hause gehen.“ Nach einem Blick auf seine Armbanduhr nickt Christoph. „ Oh ja, es ist echt schon spät geworden.“
Sie gehen aus dem Wohnzimmer in den Flur wo Susanna ihre Jacke und Schuhe anzieht.
Sie unterhalten sich leise, um Christophs Eltern nicht in ihrem Schlaf zu stören.
„Danke das du mir zugehört hast, ich wusste erst echt nicht wem ich das erzählen sollte.“
„Susanna das ist überhaupt kein Problem und wenn noch etwas ist, dann sag Bescheid.“
Sie nickte. „Und bitte sag das mal niemandem weiter, ja?“
„Das habe ich dir doch schon versprochen.“ Er verdrehte die Augen.
„Ja ich wollte nur sicher gehen.“ Sie ging die Treppe hinunter zur Haustür, Christoph begleitete sie noch zur Tür.
„Ok, dann mach’s gut Susanna, mach dir nicht zu viele Gedanken darüber. Das wird schon wieder.“
„Hoffentlich“ sagt sie ohne daran zu glauben, „Bis demnächst.“
Dann ging sie zu sich nach Hause.
Die Dunkelheit macht ihr nichts aus. Sie kann eigentlich sehr gut sehen im Dunkeln, mittlerweile.
Zwei Tage später traf Christoph Susanna in der Unibibliothek in Heidelberg. Sie saß an einem Tisch in einer Ecke mit einem Stapel Bücher über Vampire vor ihr. Sie blätterte gerade in einem dickerem Buch mit dem Titel „Ursprung des Vampirmythos in Europa“
Er setzt sich zu ihr und legt das Chemiebuch das er in der Hand hat auf den Tisch, er wollte darin etwas nachschlagen für ein Praktikum.
„Wie geht es dir?“ fragt er.
Sie schaut etwas überrascht auf, in Büchern konnte sie sich schnell verlieren, doch dann lächelte sie ihm zu. „Gut.“ nickte sie. „Und dir?“
Er schaute sie an, war sich nicht sicher ob sie die Wahrheit sagte oder nicht, irgendwie sah sie anders aus als sonst.
„Ja, mir geht’s prima. Nur ein wenig Stress wegen dem Chemiepraktikum das ich grad hab“ sagte er auf das Buch vor ihm deutend.
„Du hast deine neue Brille“ sagt er und ärgert sich selber darüber nicht gleich darauf gekommen zu sein, zumal sie es ihm noch gesagt hatte. „Sieht gut aus. Besser als die Alte.“
„Danke.“
Mit einem Blick über ihre Bücher fragte er. „Und, hast du etwas herausgefunden?“
Sie senkte den Blick und zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Das meiste was ich finde sind Geschichten. Selbst bei den Mythen ist es schwer zu sagen ob da jetzt was wahres dran sein könnte oder nicht.“ Sie seufzte.
Er nickte. „Ich habe auch mal im Internet geschaut. Aber... eigentlich war das alles eher Quatsch.“ Er zögerte „Nichts womit sich das mit dem Spiegel erklären ließe zumindest. Die anderen Sachen schon. Aber das mit dem Spiegel, darüber habe ich mir echt Gedanken gemacht wie das sein könnte, echt komisch.“
„Aber...“ fügte er an und dämpfte dabei die Stimme. „Du hast jetzt nicht... na ja... Hunger auf Blut oder so?“
„Nein“ sagte Susanna und schüttelte den Kopf fügte dann aber an. „Ich meine, ich habe schon mehr Hunger letzte Zeit.“ Sie zögerte, als er die Augenbrauen hob. „Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, aber, wenn ich ehrlich bin, ich fürchte das könnte noch kommen.
Ich würde nie jemandem etwas zuleide tun, wegen so etwas. „
Sie fuhr sich durch die Haare.
„Aber es ist schon so das ich letzte Zeit mehr Fleisch esse als sonst. Aber Blut würde ich nicht trinken, nein.“ Sie schüttelt sich bei dem Gedanken.
Er sah sie nachdenklich an. „Ich könnte mir vorstellen das du recht hattest, als du meintest es könnte eine Krankheit sein. Vielleicht eine sehr seltene. Die Geschichten über... Vampire, die gibt es ja schon sehr lange und fast überall in der Welt, irgendwo müssen die ja auch her kommen.
Sie saß auf dem Bett in ihrem Zimmer. Und hatte keine Ahnung wie sie das zu Papier bringen sollte, was sie im Kopf hatte. Sie tippte Buchstaben in ihren Laptop. Wörter, Sätze, Zeilen. Doch sie ist keine geborene Schriftstellerin. Stephen King ist ein geborener Schriftsteller, und ihr Lieblingsautor. Während sie versucht eine Geschichte zusammen zu bringen, fängt einer ihrer Eckzähne an weh zu tun. So doll, das sie die Hand zum Mund nehmen muss. Es ist der obere rechte Eckzahn, der jetzt schon seit zwei Tagen schmerzt. Sie fühlt mit der Zunge nach dem Zahn. Gewackelt hatte er bis jetzt noch nicht. Jetzt tut er es, wenn sie mit der Zunge darüber fährt.
Sie steht auf und geht ins Bad, wo über dem Waschbecken ein Spiegelschrank hängt.
Bevor sie ihren Zahn begutachtet schaut sie sich selber an, zu helle Haut, grüne Augen mit zu kräftigen schwarzen Augenbrauen und eine Brille auf der Nase. Nicht gerade das schönste Gesicht das einem begegnen konnte. Die schulterlangen schwarzen Haare waren da schon besser. Sie beugt sich über das Waschbecken und öffnet den Mund, um mit dem Finger an dem Eckzahn zu wackeln. Es schmerzt, doch so ein wackelnder Zahn hat auch seine Faszination für sich. Sie überlegt sich ob sie zum Zahnarzt gehen sollte. Eigentlich hat sie bis jetzt noch keine Probleme mit ihren Zähnen gehabt, hundertprozentig Gerade sind sie nicht, aber eine Zahnspange war nicht von Nöten und gebohrt werden musste zum Glück noch nie.
Sie schmeckte Blut und sah es auch an der Grenze von Zahn und Zahnfleisch entlang rinnen. Erst war sie nicht sicher was sie schmeckte, da es merkwürdig anders war, anders konnte sie das nicht beschreiben. Merkwürdig anders, als sie es erwartet hatte, süßer als sie es gewohnt ist.
Vielleicht war es auch eine Nebenwirkung der Schmerzen. Diese waren nicht unerträglich, ein ziehen in der Zahnwurzel, ein nerviges Drücken das nicht mehr aufhören wollte.
Wieder drückte sie mit dem Finger zu, um den Zahn zum wackeln zu bringen, doch dadurch wurde der halt vollends gelockert. Der Zahn viel ins Waschbecken.
Sie atmete erleichtert aus, denn die Schmerzen waren mit dem Zahn gegangen.
Die Lücke war natürlich unschön, zumal es etwas mehr blutete. Sie nahm den Zahn aus dem Waschbecken und spülte ihn unter Wasser ab und betrachtete ihn kurz. Dann legte sie ihn weg und spülte ihren Mund aus.
Noch weiter über das Waschbecken gebeugt untersuchte sie die neue Lücke. Beim näheren hinschauen, sah sie etwas weißes, ein neuer Zahn schien den alten heraus gedrückt zu haben. Sie hatte schon davon gelesen, das manche Menschen dritte Zähne bekommen. Auf jeden Fall war es besser, als eine Lücke. Er lugte gerade so aus dem Loch, sie fühlte mit dem Finger danach und merkte das dieser um einiges spitzer war, als der alte Zahn.
Sie merkte auch, das sich bei ihrem anderen oberen Eckzahn auch ein dritter Zahn ankündigte. Der linke Eckzahn wackelte zwar noch nicht, aber ein leichtes drücken war schon zu spüren.
Ein paar Wochen später.
Susanna ist bei einem guten Freund zu Besuch. Ihre WG-Mitbewohner Russland und Holger sind auch da.
Sie schauten sich zusammen einen Film an und es war ein gemütlicher Dienstagabend.
Christoph war für Susanna mehr als nur ein guter Freund, sie liebte ihn. Doch sie ist eine schüchterne Frau und will nicht ihre Freundschaft aufs Spiel setzen, wegen ihren Gefühlen zu Christoph, auch wenn es manchmal scheint, das Christoph auch an ihr interessiert wäre.
Jedenfalls vertraute Susanna Christoph. Christoph war eine sehr hilfsbereite Person, der einem kaum eine Bitte abschlagen würde. Er hatte die Gabe den Menschen richtig zuzuhören, was nur wenige schaffen.
Im Moment hatte Susanna nicht viele Freunde, und keinen anderen wie Christoph, mit dem sie über vieles reden konnte.
Deswegen entschied sie sich an diesem Abend Christoph zu erzählen was sie zur Zeit so beunruhigte. Sie entschloss sich etwas länger zu bleiben als die anderen, auch wenn das bedeutete das sie heute Nacht nach Hause laufen musste. Das Haus von Christophs Eltern stand in einem Vorort von Heidelberg, sie würde eine Stunde laufen müssen um zu ihrer eigenen Wohnung zu kommen. Normalerweise nahm Russland sie in seinem Auto mit. Susanna selber hatte aus finanziellen Gründen noch keinen Führerschein gemacht.
Russland wollte erst auf Susanna warten, doch Susanna machte ihm klar das sie nur mit Christoph sprechen möchte. Christoph schien etwas verwundert, normalerweise war Susanna nicht so darauf erpicht nur mit ihm alleine zu reden, doch er war auch Neugierig, was sie ihm zu sagen hatte.
Susanna setzte sich auf das Sofa im Wohnzimmer. Christophs Eltern waren schon in ihrem Bett, sie würden nicht rein platzen. Sie hielt ihr Glas Cola in der Hand und drehte es, starrte darauf. Christoph setzte sich ihr gegenüber auf einen Sessel.
„Also? Was gibt es?“ fragte er.
Susanna wusste nicht genau, wie sie das anfangen sollte. Es war ein schwieriges Thema.
Sie schaute auf, in seine Augen, und wieder auf das Glas Cola in ihrer Hand, als ob daran etwas interessantes wäre.
„Also ... “ stammelte sie. Sie ärgerte sich über sich selbst, sie hatte sich vorher überlegt, was sie ihm sagen wollte. Jetzt war sie unentschlossen ob das wirklich das richtige war. Vielleicht wäre ein Psychologe für sie die bessere Anlaufstelle.
Christoph hob die Augenbrauen und wartete ab.
„Ich muss ehrlich sagen, ich weiß nicht so richtig wie ich dir das sagen soll, was ich sagen will.“ , brachte sie hervor. „Es ist alles so komisch grade... Ich weiß nicht ob es richtig ist dir das zu sagen... vielleicht spinne ich auch nur.“
Nach einer ungemütlichen Pause sagt er: „Na ja, solange du mir nicht sagst was es ist, kann ich das nicht beurteilen.“
„Kannst du das dann bitte für dich behalten? Das wäre mit wichtig.“
„Natürlich.“ Sagt Christoph, er beugt sich in seinem Sessel vor und stützt sich mit den Ellbogen auf den Oberschenkeln ab. „Jetzt sag schon, was ist los? Du machst mich neugierig.“
„Also... seit einiger Zeit passiert irgendwie was komisches... mit mir. Und ich weiß nicht genau was es ist. Vielleicht eine Krankheit. Ich weiß nicht weiter. Ich mein, ich habe bis jetzt noch mit niemandem darüber geredet. Vielleicht kann ein Außenstehender, wie du das besser interpretieren.“ Sagt Susanna und merkt selber das sie nur drumherum redet und nicht auf den Punkt kommt.
Sie schaut von ihrem Glas hoch, um Christophs Reaktion abzuschätzen. Er wartet darauf, das sie mehr erzählt.
Susanna widmet sich wieder ihrem Glas während sie weiter erzählt. „Ich kann wieder besser sehen. Ich war letztens beim Augenarzt, weil ich nicht mehr sehr gut durch meine Brille gesehen habe, du weißt ja, ich bin stark kurzsichtig. Jedenfalls, war ich beim Arzt, weil ich dachte es wäre schlimmer geworden. Allerdings stellte der Doktor fest, das meine Sehstärke sich um einiges verbessert hat, fast um 50%. Deswegen bekomme ich jetzt eine neue Brille, morgen sollte die fertig sein.“ Susanna kann ihre Freude darüber kaum unterdrücken.
„Das ist doch toll, Susanna!“ sagt Christoph und lächelt Susanna an. „Und das wolltest du mir jetzt unbedingt alleine sagen?“
„Nein, das ist nicht alles. Es ist toll, ja, aber eben nicht alles.“
„Das dachte ich mir schon.“
„Ich weiß auch nicht ob das damit im Zusammenhang steht, jedenfalls sind mir vor etwa einer Woche die beiden Eckzähne ausgefallen und darunter sind mir neue nachgewachsen.“
„Neue echt? Ist ja interessant. Russland hatte mir letztens schon erzählt das du an Zahnschmerzen leidest.“
„Jetzt nicht mehr, ich denke es waren nur die Eckzähne, oben die beiden sind ausgefallen, erst der rechte, ein paar Tage später der linke.“ Sagt Susanna.
„Aber ich denke nicht das es irgendwie bedenklich ist, ich habe schon von anderen Leuten gehört, das ihnen dritte Zähne nachgewachsen sind. Zeig mal dein.“ Forderte er Susanna auf.
„Nein, lass mal., also man sieht so eigentlich nur die Löcher.“
„Ja die sind mir auch schon aufgefallen. Die dritten Zähne wachsen wohl noch nach was?“
„Das ist ja das komische daran. Die kommen irgendwie nicht aus dem Oberkiefer raus. Zumindest nicht so. Aber, das ist wirklich das komische, ich kann sie irgendwie ausfahren. Und die sehen auch etwas anders aus, als die Eckzähne die ich vorher da hatte.“
„Wie meinst du das? Du kannst die ausfahren?“
„Du glaubst mir nicht...“
„Doch! Aber ich kann mir das gerade nicht so richtig vorstellen. Zeig doch mal was du meinst.“
„Nein, ich ... ich will das nicht zeigen, es sieht nicht schön aus.“ Meint sie, etwas hin und hergerissen, ob sie Christoph das zeigen sollte oder nicht. Sie wollte auf keinen Fall das er vor ihr Angst bekommen würde.
„Ach Susanna, das macht doch bei mir nichts. Ich sag es auch niemandem weiter, wie schon versprochen.“
„Hmm..“
Christoph schaute sie auffordernd an.
„Na gut. Aber nicht das du mich deswegen dann nicht mehr magst...“
„Du machst dir zu viele Gedanken Susanna.“
„Na ja...“
Susanna öffnete den Mund zu einem etwas verzerrtem Lächeln und zog die Lippe hoch. In der oberen Reihe waren deutlich die beiden Lücken, anstelle der Eckzähne zu sehen.
Dann fuhr sie die längeren und spitzeren Eckzähne aus. Sie schienen auch dünner, ähnlich Giftzähnen einer Schlange gebaut. Schnell fuhr Susanna sie wieder ein und blickte wieder ihr noch volles Cola-Glas an.
„Ok, von so etwas habe ich noch nicht gehört.“ Gab Christoph zu, der sich im Sessel zurücklehnt und nachdenklich scheint.
„Es sieht wirklich etwas merkwürdig aus, Susanna.... Aber ich mag dich immer noch.“
Als Susanna wieder aufschaute blinzelte er ihr zu. Sie schien sichtlich erleichtert, das sie ihm das gesagt hatte.
„Sehen aus wie Vampirzähne“
„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen.“ Murmelt Susanna mit einer ernsten Miene.
Dieser Bemerkung folgte eine Weile Stille. Beide waren in ihren Gedanken versunken. Christoph fühlte sich nun etwas unsicher, auch wenn es Unsinn war. Nicht wegen Susanna, aber wegen der Möglichkeit des Unmöglichen.
„Ich habe das Gefühl das ich mehr kann, also, körperlich.“ Erzählt Susanna weiter, jetzt wollte sie alles erzählen. „Ich meine, ich mache nicht viel Sport. Das weißt du ja. Letzte Zeit habe ich aber das Gefühl das ich besser werde, ausdauernder, aber das könnte jetzt auch subjektiv sein. Ich habe es nicht überprüft.“
Sie macht eine kurze Pause.
„Und dann ist da noch etwas. Das ist irgendwie das schlimmste.“ Sagt sie und schluckt danach, als ob ihre Kehle zugeschnürt wäre, bei dem Gedanken.
„Es ist...“ sie bricht ab, überlegt es sich anders. Sie steht auf. „Komm, ich möchte sehen ob du das auch siehst. Vielleicht spinne ich auch echt, wer weiß?“ sagt sie mit einem merkwürdigem Ton.
Christoph steht auf, fasst widerwillig. Irgendwie hatte er auf einmal das Gefühl das er das gar nicht wissen wollte, nicht wenn er sich sein heiles Weltbild bewahren wollte.
Doch er hatte keine andere Wahl. Er folgte Susanna durch den Flur ins Bad, in dem ein großer Wandspiegel an der Wand hing.
Er stellte sich neben sie vor den Spiegel. Es waren zwei Waschbecken nebeneinander unter dem Spiegel angebracht.
„Fällt dir irgendetwas auf?“ fragte Susanna mit einem merkwürdigem Unterton in ihrer Stimme. Sie hatte Angst. Sie wollte gar nicht, das Christoph etwas sieht. Zumindest jetzt, wollte sie lieber verrückt sein.
Christoph sah in den Spiegel. Auf den ersten Blick viel ihm nichts auf. Das Licht im Bad war hell. Er sah sich deutlich im Spiegel, wie alles andere auch. Es schien kein Unterschied zwischen seinem Abbild und Susannas. Bei genauerem hinschauen dachte er das um Susannas Kopf die Umrisse etwas unscharf wirkten, aber das konnte er auf seine Müdigkeit schieben. Immerhin war es fast 1 Uhr nachts.
„Mir fällt jetzt nichts so besonderes auf, ehrlich gesagt.“ Sagte er vorsichtig. In ihm stiegen Zweifel auf, wollte Susanna ihn verarschen?
Susanna ging einen Schritt zurück, so das sie mit dem Rücken an der Wand stand. „Komm auch hier her“ forderte sie ihn auf. Er machte auch einen Schritt rückwärts, so das er neben ihr an der Wand stand und kam sich da etwas komisch vor.
Jetzt wirkte die Unschärfe deutlicher um Susannas Kopf und Hände. Da wo ihre Kleider waren, war es so wie bei ihm, doch das Gesicht von Susanna wirkte im Spiegel aufgelöster.
„Siehst du das?“ fragte Susanna. „Das ich irgendwie nicht so deutlich abgebildet werde, wie du?“
Christoph schüttelte ungläubig den Kopf. „Das könnte auch das Licht sein. Stell dich mal hier hin.“ Sagte er und wechselte mit Susanna die Seiten. Doch das Bild blieb gleich.
„Du siehst es, oder?“ fragte sie fast ängstlich. Christoph lief ein Schauer über den Rücken.
„Ja.“ Sagte er schließlich.
„Weißt du was das sein könnte?“ fragt Susanna, als ob Christoph das wissen könnte.
„Nein, ich weiß nicht.“ Sagt er, „Was denkst du?“
„Ich weiß selber nicht was ich denken soll... Ehrlich gesagt, ich habe Angst.“
„Das verstehe ich“ sagte Christoph und legte eine Hand auf ihre Schulter. Im Spiegel war seine Hand seine Hand deutlich abgegrenzt, im Gegensatz zu Susannas Haut. Er schüttelte den Kopf ungläubig. „Aber dafür muss es irgendeine plausible Erklärung geben, Susanna.“
„Das denke ich auch, vielleicht habe ich irgendeine Krankheit, die Zellen verändert, so das Licht anders abgestrahlt wird.“ Versucht es Susanna, auch wenn sie selber weiß, das dies kaum möglich ist. Schließlich studiert sie Biologie.
„Auf jeden Fall wird es langsam schlimmer.“
„Leider kann ich dir da jetzt auch gar nicht weiterhelfen, Susanna, ich weiß nicht ob es sinnvoll ist deswegen zu einem Arzt zu gehen. Ich meine, es behindert dich ja nicht, oder?“
„Nein, nicht wirklich, ich meine das meine Augen besser werden ist ja sehr gut ... ich weiß nicht mal ob das damit zusammenhängt.“ Sie deutet zum Spiegel und geht einen Schritt vorwärts, dann noch einen so das sie direkt am Waschbecken steht. So scheint nichts anders zu sein, alles normal. „Vielleicht ist es doch irgendeine optische Täuschung Susanna.“ Versucht es Christoph, sobald das was unmöglich sein kann, aus den Augen verschwunden ist. „Das hoffe ich auch irgendwie.“, meint sie und geht aus dem Bad über den Flur wieder in das Wohnzimmer.
Eine Weile sitzen die beiden schweigend im Wohnzimmer, Susanna nippt an ihrer Cola und wartet auf Christoph Reaktion auf das ganze.
„Seit wann ist das schon?“ fragt Christoph nach einer Weile.
„Ich weiß nicht genau... aber schon ein paar Monaten jetzt, vielleicht seit dem letzten Urlaub, aber ich bin mir echt nicht sicher... es ist ja nicht so das es auf einmal so ist.
Es kommt so schleichend, das ist mir wirklich unheimlich, Christoph.“
„Ja das kann ich verstehen, in deiner Situation wüsste ich auch nicht was ich machen sollte... Es ist schon merkwürdig.“, er schüttelt dabei wieder den Kopf und schnaubt durch die Nase.
„Was denkst du wäre das beste? Ich weiß grade echt nicht was ich tun soll. Ich versuch mich schon zu informieren, habe mir diverse Bücher geholt über ... na ja.“ Sie wollte es nicht aussprechen, nicht zu Ende denken. Sie versuchte nach außen hin ruhig zu wirken, es war nicht ihre Art Gefühlsausbrüche zu haben. Doch ihre Augen verrieten Christoph ihre Verzweiflung.
„Das wird schon Susanna, wenn du willst helfe ich dir, irgendwie muss sich das doch erklären lassen.“ Versucht Christoph sie zu beruhigen. „Ich werde mich auf jeden Fall auch mal informieren und wenn du irgendwas hast, dann helfe ich dir gerne.“
„Danke. Das ist sehr nett von dir.“ Susanna wirkt etwas erleichtert, „Ich hatte schon Angst, wenn ich dir das zeige... mit den Zähnen und so, na ja, das du dann vielleicht Angst vor mir bekommst oder nichts mehr mit mir zu tun haben willst.“
„Ach was! Susanna, du kennst mich doch. Wegen so etwas lass ich dich nicht im Stich.“ Sagt er etwas lauter, entrüstet über Susannas Aussage, fährt dann aber in einem ruhigerem Ton weiter.
„Ein bisschen unheimlich finde ich die Sache ja schon. Ich glaube das würde jeder. Aber Angst? Vor dir?“ er lachte über den Gedanken. Darüber musste Susanna auch lachen, wenn es auch ein etwas ersticktes Lachen war. Sie war wirklich nicht jemand vor dem man Angst haben musste...zumindest bis jetzt. Sie hörte auf zu lachen und seufzte.
„Na ja, ich denke, ich werde dann mal nach Hause gehen.“ Nach einem Blick auf seine Armbanduhr nickt Christoph. „ Oh ja, es ist echt schon spät geworden.“
Sie gehen aus dem Wohnzimmer in den Flur wo Susanna ihre Jacke und Schuhe anzieht.
Sie unterhalten sich leise, um Christophs Eltern nicht in ihrem Schlaf zu stören.
„Danke das du mir zugehört hast, ich wusste erst echt nicht wem ich das erzählen sollte.“
„Susanna das ist überhaupt kein Problem und wenn noch etwas ist, dann sag Bescheid.“
Sie nickte. „Und bitte sag das mal niemandem weiter, ja?“
„Das habe ich dir doch schon versprochen.“ Er verdrehte die Augen.
„Ja ich wollte nur sicher gehen.“ Sie ging die Treppe hinunter zur Haustür, Christoph begleitete sie noch zur Tür.
„Ok, dann mach’s gut Susanna, mach dir nicht zu viele Gedanken darüber. Das wird schon wieder.“
„Hoffentlich“ sagt sie ohne daran zu glauben, „Bis demnächst.“
Dann ging sie zu sich nach Hause.
Die Dunkelheit macht ihr nichts aus. Sie kann eigentlich sehr gut sehen im Dunkeln, mittlerweile.
Zwei Tage später traf Christoph Susanna in der Unibibliothek in Heidelberg. Sie saß an einem Tisch in einer Ecke mit einem Stapel Bücher über Vampire vor ihr. Sie blätterte gerade in einem dickerem Buch mit dem Titel „Ursprung des Vampirmythos in Europa“
Er setzt sich zu ihr und legt das Chemiebuch das er in der Hand hat auf den Tisch, er wollte darin etwas nachschlagen für ein Praktikum.
„Wie geht es dir?“ fragt er.
Sie schaut etwas überrascht auf, in Büchern konnte sie sich schnell verlieren, doch dann lächelte sie ihm zu. „Gut.“ nickte sie. „Und dir?“
Er schaute sie an, war sich nicht sicher ob sie die Wahrheit sagte oder nicht, irgendwie sah sie anders aus als sonst.
„Ja, mir geht’s prima. Nur ein wenig Stress wegen dem Chemiepraktikum das ich grad hab“ sagte er auf das Buch vor ihm deutend.
„Du hast deine neue Brille“ sagt er und ärgert sich selber darüber nicht gleich darauf gekommen zu sein, zumal sie es ihm noch gesagt hatte. „Sieht gut aus. Besser als die Alte.“
„Danke.“
Mit einem Blick über ihre Bücher fragte er. „Und, hast du etwas herausgefunden?“
Sie senkte den Blick und zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Das meiste was ich finde sind Geschichten. Selbst bei den Mythen ist es schwer zu sagen ob da jetzt was wahres dran sein könnte oder nicht.“ Sie seufzte.
Er nickte. „Ich habe auch mal im Internet geschaut. Aber... eigentlich war das alles eher Quatsch.“ Er zögerte „Nichts womit sich das mit dem Spiegel erklären ließe zumindest. Die anderen Sachen schon. Aber das mit dem Spiegel, darüber habe ich mir echt Gedanken gemacht wie das sein könnte, echt komisch.“
„Aber...“ fügte er an und dämpfte dabei die Stimme. „Du hast jetzt nicht... na ja... Hunger auf Blut oder so?“
„Nein“ sagte Susanna und schüttelte den Kopf fügte dann aber an. „Ich meine, ich habe schon mehr Hunger letzte Zeit.“ Sie zögerte, als er die Augenbrauen hob. „Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, aber, wenn ich ehrlich bin, ich fürchte das könnte noch kommen.
Ich würde nie jemandem etwas zuleide tun, wegen so etwas. „
Sie fuhr sich durch die Haare.
„Aber es ist schon so das ich letzte Zeit mehr Fleisch esse als sonst. Aber Blut würde ich nicht trinken, nein.“ Sie schüttelt sich bei dem Gedanken.
Er sah sie nachdenklich an. „Ich könnte mir vorstellen das du recht hattest, als du meintest es könnte eine Krankheit sein. Vielleicht eine sehr seltene. Die Geschichten über... Vampire, die gibt es ja schon sehr lange und fast überall in der Welt, irgendwo müssen die ja auch her kommen.
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