Donnerstag, 19. Juni 2014
Vampire in Heidelberg 1
shira, 19:48h
Das Jahr 2000, Heidelberg.
Sie saß auf dem Bett in ihrem Zimmer. Und hatte keine Ahnung wie sie das zu Papier bringen sollte, was sie im Kopf hatte. Sie tippte Buchstaben in ihren Laptop. Wörter, Sätze, Zeilen. Doch sie ist keine geborene Schriftstellerin. Stephen King ist ein geborener Schriftsteller, und ihr Lieblingsautor. Während sie versucht eine Geschichte zusammen zu bringen, fängt einer ihrer Eckzähne an weh zu tun. So doll, das sie die Hand zum Mund nehmen muss. Es ist der obere rechte Eckzahn, der jetzt schon seit zwei Tagen schmerzt. Sie fühlt mit der Zunge nach dem Zahn. Gewackelt hatte er bis jetzt noch nicht. Jetzt tut er es, wenn sie mit der Zunge darüber fährt.
Sie steht auf und geht ins Bad, wo über dem Waschbecken ein Spiegelschrank hängt.
Bevor sie ihren Zahn begutachtet schaut sie sich selber an, zu helle Haut, grüne Augen mit zu kräftigen schwarzen Augenbrauen und eine Brille auf der Nase. Nicht gerade das schönste Gesicht das einem begegnen konnte. Die schulterlangen schwarzen Haare waren da schon besser. Sie beugt sich über das Waschbecken und öffnet den Mund, um mit dem Finger an dem Eckzahn zu wackeln. Es schmerzt, doch so ein wackelnder Zahn hat auch seine Faszination für sich. Sie überlegt sich ob sie zum Zahnarzt gehen sollte. Eigentlich hat sie bis jetzt noch keine Probleme mit ihren Zähnen gehabt, hundertprozentig Gerade sind sie nicht, aber eine Zahnspange war nicht von Nöten und gebohrt werden musste zum Glück noch nie.
Sie schmeckte Blut und sah es auch an der Grenze von Zahn und Zahnfleisch entlang rinnen. Erst war sie nicht sicher was sie schmeckte, da es merkwürdig anders war, anders konnte sie das nicht beschreiben. Merkwürdig anders, als sie es erwartet hatte, süßer als sie es gewohnt ist.
Vielleicht war es auch eine Nebenwirkung der Schmerzen. Diese waren nicht unerträglich, ein ziehen in der Zahnwurzel, ein nerviges Drücken das nicht mehr aufhören wollte.
Wieder drückte sie mit dem Finger zu, um den Zahn zum wackeln zu bringen, doch dadurch wurde der halt vollends gelockert. Der Zahn viel ins Waschbecken.
Sie atmete erleichtert aus, denn die Schmerzen waren mit dem Zahn gegangen.
Die Lücke war natürlich unschön, zumal es etwas mehr blutete. Sie nahm den Zahn aus dem Waschbecken und spülte ihn unter Wasser ab und betrachtete ihn kurz. Dann legte sie ihn weg und spülte ihren Mund aus.
Noch weiter über das Waschbecken gebeugt untersuchte sie die neue Lücke. Beim näheren hinschauen, sah sie etwas weißes, ein neuer Zahn schien den alten heraus gedrückt zu haben. Sie hatte schon davon gelesen, das manche Menschen dritte Zähne bekommen. Auf jeden Fall war es besser, als eine Lücke. Er lugte gerade so aus dem Loch, sie fühlte mit dem Finger danach und merkte das dieser um einiges spitzer war, als der alte Zahn.
Sie merkte auch, das sich bei ihrem anderen oberen Eckzahn auch ein dritter Zahn ankündigte. Der linke Eckzahn wackelte zwar noch nicht, aber ein leichtes drücken war schon zu spüren.
Ein paar Wochen später.
Susanna ist bei einem guten Freund zu Besuch. Ihre WG-Mitbewohner Russland und Holger sind auch da.
Sie schauten sich zusammen einen Film an und es war ein gemütlicher Dienstagabend.
Christoph war für Susanna mehr als nur ein guter Freund, sie liebte ihn. Doch sie ist eine schüchterne Frau und will nicht ihre Freundschaft aufs Spiel setzen, wegen ihren Gefühlen zu Christoph, auch wenn es manchmal scheint, das Christoph auch an ihr interessiert wäre.
Jedenfalls vertraute Susanna Christoph. Christoph war eine sehr hilfsbereite Person, der einem kaum eine Bitte abschlagen würde. Er hatte die Gabe den Menschen richtig zuzuhören, was nur wenige schaffen.
Im Moment hatte Susanna nicht viele Freunde, und keinen anderen wie Christoph, mit dem sie über vieles reden konnte.
Deswegen entschied sie sich an diesem Abend Christoph zu erzählen was sie zur Zeit so beunruhigte. Sie entschloss sich etwas länger zu bleiben als die anderen, auch wenn das bedeutete das sie heute Nacht nach Hause laufen musste. Das Haus von Christophs Eltern stand in einem Vorort von Heidelberg, sie würde eine Stunde laufen müssen um zu ihrer eigenen Wohnung zu kommen. Normalerweise nahm Russland sie in seinem Auto mit. Susanna selber hatte aus finanziellen Gründen noch keinen Führerschein gemacht.
Russland wollte erst auf Susanna warten, doch Susanna machte ihm klar das sie nur mit Christoph sprechen möchte. Christoph schien etwas verwundert, normalerweise war Susanna nicht so darauf erpicht nur mit ihm alleine zu reden, doch er war auch Neugierig, was sie ihm zu sagen hatte.
Susanna setzte sich auf das Sofa im Wohnzimmer. Christophs Eltern waren schon in ihrem Bett, sie würden nicht rein platzen. Sie hielt ihr Glas Cola in der Hand und drehte es, starrte darauf. Christoph setzte sich ihr gegenüber auf einen Sessel.
„Also? Was gibt es?“ fragte er.
Susanna wusste nicht genau, wie sie das anfangen sollte. Es war ein schwieriges Thema.
Sie schaute auf, in seine Augen, und wieder auf das Glas Cola in ihrer Hand, als ob daran etwas interessantes wäre.
„Also ... “ stammelte sie. Sie ärgerte sich über sich selbst, sie hatte sich vorher überlegt, was sie ihm sagen wollte. Jetzt war sie unentschlossen ob das wirklich das richtige war. Vielleicht wäre ein Psychologe für sie die bessere Anlaufstelle.
Christoph hob die Augenbrauen und wartete ab.
„Ich muss ehrlich sagen, ich weiß nicht so richtig wie ich dir das sagen soll, was ich sagen will.“ , brachte sie hervor. „Es ist alles so komisch grade... Ich weiß nicht ob es richtig ist dir das zu sagen... vielleicht spinne ich auch nur.“
Nach einer ungemütlichen Pause sagt er: „Na ja, solange du mir nicht sagst was es ist, kann ich das nicht beurteilen.“
„Kannst du das dann bitte für dich behalten? Das wäre mit wichtig.“
„Natürlich.“ Sagt Christoph, er beugt sich in seinem Sessel vor und stützt sich mit den Ellbogen auf den Oberschenkeln ab. „Jetzt sag schon, was ist los? Du machst mich neugierig.“
„Also... seit einiger Zeit passiert irgendwie was komisches... mit mir. Und ich weiß nicht genau was es ist. Vielleicht eine Krankheit. Ich weiß nicht weiter. Ich mein, ich habe bis jetzt noch mit niemandem darüber geredet. Vielleicht kann ein Außenstehender, wie du das besser interpretieren.“ Sagt Susanna und merkt selber das sie nur drumherum redet und nicht auf den Punkt kommt.
Sie schaut von ihrem Glas hoch, um Christophs Reaktion abzuschätzen. Er wartet darauf, das sie mehr erzählt.
Susanna widmet sich wieder ihrem Glas während sie weiter erzählt. „Ich kann wieder besser sehen. Ich war letztens beim Augenarzt, weil ich nicht mehr sehr gut durch meine Brille gesehen habe, du weißt ja, ich bin stark kurzsichtig. Jedenfalls, war ich beim Arzt, weil ich dachte es wäre schlimmer geworden. Allerdings stellte der Doktor fest, das meine Sehstärke sich um einiges verbessert hat, fast um 50%. Deswegen bekomme ich jetzt eine neue Brille, morgen sollte die fertig sein.“ Susanna kann ihre Freude darüber kaum unterdrücken.
„Das ist doch toll, Susanna!“ sagt Christoph und lächelt Susanna an. „Und das wolltest du mir jetzt unbedingt alleine sagen?“
„Nein, das ist nicht alles. Es ist toll, ja, aber eben nicht alles.“
„Das dachte ich mir schon.“
„Ich weiß auch nicht ob das damit im Zusammenhang steht, jedenfalls sind mir vor etwa einer Woche die beiden Eckzähne ausgefallen und darunter sind mir neue nachgewachsen.“
„Neue echt? Ist ja interessant. Russland hatte mir letztens schon erzählt das du an Zahnschmerzen leidest.“
„Jetzt nicht mehr, ich denke es waren nur die Eckzähne, oben die beiden sind ausgefallen, erst der rechte, ein paar Tage später der linke.“ Sagt Susanna.
„Aber ich denke nicht das es irgendwie bedenklich ist, ich habe schon von anderen Leuten gehört, das ihnen dritte Zähne nachgewachsen sind. Zeig mal dein.“ Forderte er Susanna auf.
„Nein, lass mal., also man sieht so eigentlich nur die Löcher.“
„Ja die sind mir auch schon aufgefallen. Die dritten Zähne wachsen wohl noch nach was?“
„Das ist ja das komische daran. Die kommen irgendwie nicht aus dem Oberkiefer raus. Zumindest nicht so. Aber, das ist wirklich das komische, ich kann sie irgendwie ausfahren. Und die sehen auch etwas anders aus, als die Eckzähne die ich vorher da hatte.“
„Wie meinst du das? Du kannst die ausfahren?“
„Du glaubst mir nicht...“
„Doch! Aber ich kann mir das gerade nicht so richtig vorstellen. Zeig doch mal was du meinst.“
„Nein, ich ... ich will das nicht zeigen, es sieht nicht schön aus.“ Meint sie, etwas hin und hergerissen, ob sie Christoph das zeigen sollte oder nicht. Sie wollte auf keinen Fall das er vor ihr Angst bekommen würde.
„Ach Susanna, das macht doch bei mir nichts. Ich sag es auch niemandem weiter, wie schon versprochen.“
„Hmm..“
Christoph schaute sie auffordernd an.
„Na gut. Aber nicht das du mich deswegen dann nicht mehr magst...“
„Du machst dir zu viele Gedanken Susanna.“
„Na ja...“
Susanna öffnete den Mund zu einem etwas verzerrtem Lächeln und zog die Lippe hoch. In der oberen Reihe waren deutlich die beiden Lücken, anstelle der Eckzähne zu sehen.
Dann fuhr sie die längeren und spitzeren Eckzähne aus. Sie schienen auch dünner, ähnlich Giftzähnen einer Schlange gebaut. Schnell fuhr Susanna sie wieder ein und blickte wieder ihr noch volles Cola-Glas an.
„Ok, von so etwas habe ich noch nicht gehört.“ Gab Christoph zu, der sich im Sessel zurücklehnt und nachdenklich scheint.
„Es sieht wirklich etwas merkwürdig aus, Susanna.... Aber ich mag dich immer noch.“
Als Susanna wieder aufschaute blinzelte er ihr zu. Sie schien sichtlich erleichtert, das sie ihm das gesagt hatte.
„Sehen aus wie Vampirzähne“
„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen.“ Murmelt Susanna mit einer ernsten Miene.
Dieser Bemerkung folgte eine Weile Stille. Beide waren in ihren Gedanken versunken. Christoph fühlte sich nun etwas unsicher, auch wenn es Unsinn war. Nicht wegen Susanna, aber wegen der Möglichkeit des Unmöglichen.
„Ich habe das Gefühl das ich mehr kann, also, körperlich.“ Erzählt Susanna weiter, jetzt wollte sie alles erzählen. „Ich meine, ich mache nicht viel Sport. Das weißt du ja. Letzte Zeit habe ich aber das Gefühl das ich besser werde, ausdauernder, aber das könnte jetzt auch subjektiv sein. Ich habe es nicht überprüft.“
Sie macht eine kurze Pause.
„Und dann ist da noch etwas. Das ist irgendwie das schlimmste.“ Sagt sie und schluckt danach, als ob ihre Kehle zugeschnürt wäre, bei dem Gedanken.
„Es ist...“ sie bricht ab, überlegt es sich anders. Sie steht auf. „Komm, ich möchte sehen ob du das auch siehst. Vielleicht spinne ich auch echt, wer weiß?“ sagt sie mit einem merkwürdigem Ton.
Christoph steht auf, fasst widerwillig. Irgendwie hatte er auf einmal das Gefühl das er das gar nicht wissen wollte, nicht wenn er sich sein heiles Weltbild bewahren wollte.
Doch er hatte keine andere Wahl. Er folgte Susanna durch den Flur ins Bad, in dem ein großer Wandspiegel an der Wand hing.
Er stellte sich neben sie vor den Spiegel. Es waren zwei Waschbecken nebeneinander unter dem Spiegel angebracht.
„Fällt dir irgendetwas auf?“ fragte Susanna mit einem merkwürdigem Unterton in ihrer Stimme. Sie hatte Angst. Sie wollte gar nicht, das Christoph etwas sieht. Zumindest jetzt, wollte sie lieber verrückt sein.
Christoph sah in den Spiegel. Auf den ersten Blick viel ihm nichts auf. Das Licht im Bad war hell. Er sah sich deutlich im Spiegel, wie alles andere auch. Es schien kein Unterschied zwischen seinem Abbild und Susannas. Bei genauerem hinschauen dachte er das um Susannas Kopf die Umrisse etwas unscharf wirkten, aber das konnte er auf seine Müdigkeit schieben. Immerhin war es fast 1 Uhr nachts.
„Mir fällt jetzt nichts so besonderes auf, ehrlich gesagt.“ Sagte er vorsichtig. In ihm stiegen Zweifel auf, wollte Susanna ihn verarschen?
Susanna ging einen Schritt zurück, so das sie mit dem Rücken an der Wand stand. „Komm auch hier her“ forderte sie ihn auf. Er machte auch einen Schritt rückwärts, so das er neben ihr an der Wand stand und kam sich da etwas komisch vor.
Jetzt wirkte die Unschärfe deutlicher um Susannas Kopf und Hände. Da wo ihre Kleider waren, war es so wie bei ihm, doch das Gesicht von Susanna wirkte im Spiegel aufgelöster.
„Siehst du das?“ fragte Susanna. „Das ich irgendwie nicht so deutlich abgebildet werde, wie du?“
Christoph schüttelte ungläubig den Kopf. „Das könnte auch das Licht sein. Stell dich mal hier hin.“ Sagte er und wechselte mit Susanna die Seiten. Doch das Bild blieb gleich.
„Du siehst es, oder?“ fragte sie fast ängstlich. Christoph lief ein Schauer über den Rücken.
„Ja.“ Sagte er schließlich.
„Weißt du was das sein könnte?“ fragt Susanna, als ob Christoph das wissen könnte.
„Nein, ich weiß nicht.“ Sagt er, „Was denkst du?“
„Ich weiß selber nicht was ich denken soll... Ehrlich gesagt, ich habe Angst.“
„Das verstehe ich“ sagte Christoph und legte eine Hand auf ihre Schulter. Im Spiegel war seine Hand seine Hand deutlich abgegrenzt, im Gegensatz zu Susannas Haut. Er schüttelte den Kopf ungläubig. „Aber dafür muss es irgendeine plausible Erklärung geben, Susanna.“
„Das denke ich auch, vielleicht habe ich irgendeine Krankheit, die Zellen verändert, so das Licht anders abgestrahlt wird.“ Versucht es Susanna, auch wenn sie selber weiß, das dies kaum möglich ist. Schließlich studiert sie Biologie.
„Auf jeden Fall wird es langsam schlimmer.“
„Leider kann ich dir da jetzt auch gar nicht weiterhelfen, Susanna, ich weiß nicht ob es sinnvoll ist deswegen zu einem Arzt zu gehen. Ich meine, es behindert dich ja nicht, oder?“
„Nein, nicht wirklich, ich meine das meine Augen besser werden ist ja sehr gut ... ich weiß nicht mal ob das damit zusammenhängt.“ Sie deutet zum Spiegel und geht einen Schritt vorwärts, dann noch einen so das sie direkt am Waschbecken steht. So scheint nichts anders zu sein, alles normal. „Vielleicht ist es doch irgendeine optische Täuschung Susanna.“ Versucht es Christoph, sobald das was unmöglich sein kann, aus den Augen verschwunden ist. „Das hoffe ich auch irgendwie.“, meint sie und geht aus dem Bad über den Flur wieder in das Wohnzimmer.
Eine Weile sitzen die beiden schweigend im Wohnzimmer, Susanna nippt an ihrer Cola und wartet auf Christoph Reaktion auf das ganze.
„Seit wann ist das schon?“ fragt Christoph nach einer Weile.
„Ich weiß nicht genau... aber schon ein paar Monaten jetzt, vielleicht seit dem letzten Urlaub, aber ich bin mir echt nicht sicher... es ist ja nicht so das es auf einmal so ist.
Es kommt so schleichend, das ist mir wirklich unheimlich, Christoph.“
„Ja das kann ich verstehen, in deiner Situation wüsste ich auch nicht was ich machen sollte... Es ist schon merkwürdig.“, er schüttelt dabei wieder den Kopf und schnaubt durch die Nase.
„Was denkst du wäre das beste? Ich weiß grade echt nicht was ich tun soll. Ich versuch mich schon zu informieren, habe mir diverse Bücher geholt über ... na ja.“ Sie wollte es nicht aussprechen, nicht zu Ende denken. Sie versuchte nach außen hin ruhig zu wirken, es war nicht ihre Art Gefühlsausbrüche zu haben. Doch ihre Augen verrieten Christoph ihre Verzweiflung.
„Das wird schon Susanna, wenn du willst helfe ich dir, irgendwie muss sich das doch erklären lassen.“ Versucht Christoph sie zu beruhigen. „Ich werde mich auf jeden Fall auch mal informieren und wenn du irgendwas hast, dann helfe ich dir gerne.“
„Danke. Das ist sehr nett von dir.“ Susanna wirkt etwas erleichtert, „Ich hatte schon Angst, wenn ich dir das zeige... mit den Zähnen und so, na ja, das du dann vielleicht Angst vor mir bekommst oder nichts mehr mit mir zu tun haben willst.“
„Ach was! Susanna, du kennst mich doch. Wegen so etwas lass ich dich nicht im Stich.“ Sagt er etwas lauter, entrüstet über Susannas Aussage, fährt dann aber in einem ruhigerem Ton weiter.
„Ein bisschen unheimlich finde ich die Sache ja schon. Ich glaube das würde jeder. Aber Angst? Vor dir?“ er lachte über den Gedanken. Darüber musste Susanna auch lachen, wenn es auch ein etwas ersticktes Lachen war. Sie war wirklich nicht jemand vor dem man Angst haben musste...zumindest bis jetzt. Sie hörte auf zu lachen und seufzte.
„Na ja, ich denke, ich werde dann mal nach Hause gehen.“ Nach einem Blick auf seine Armbanduhr nickt Christoph. „ Oh ja, es ist echt schon spät geworden.“
Sie gehen aus dem Wohnzimmer in den Flur wo Susanna ihre Jacke und Schuhe anzieht.
Sie unterhalten sich leise, um Christophs Eltern nicht in ihrem Schlaf zu stören.
„Danke das du mir zugehört hast, ich wusste erst echt nicht wem ich das erzählen sollte.“
„Susanna das ist überhaupt kein Problem und wenn noch etwas ist, dann sag Bescheid.“
Sie nickte. „Und bitte sag das mal niemandem weiter, ja?“
„Das habe ich dir doch schon versprochen.“ Er verdrehte die Augen.
„Ja ich wollte nur sicher gehen.“ Sie ging die Treppe hinunter zur Haustür, Christoph begleitete sie noch zur Tür.
„Ok, dann mach’s gut Susanna, mach dir nicht zu viele Gedanken darüber. Das wird schon wieder.“
„Hoffentlich“ sagt sie ohne daran zu glauben, „Bis demnächst.“
Dann ging sie zu sich nach Hause.
Die Dunkelheit macht ihr nichts aus. Sie kann eigentlich sehr gut sehen im Dunkeln, mittlerweile.
Zwei Tage später traf Christoph Susanna in der Unibibliothek in Heidelberg. Sie saß an einem Tisch in einer Ecke mit einem Stapel Bücher über Vampire vor ihr. Sie blätterte gerade in einem dickerem Buch mit dem Titel „Ursprung des Vampirmythos in Europa“
Er setzt sich zu ihr und legt das Chemiebuch das er in der Hand hat auf den Tisch, er wollte darin etwas nachschlagen für ein Praktikum.
„Wie geht es dir?“ fragt er.
Sie schaut etwas überrascht auf, in Büchern konnte sie sich schnell verlieren, doch dann lächelte sie ihm zu. „Gut.“ nickte sie. „Und dir?“
Er schaute sie an, war sich nicht sicher ob sie die Wahrheit sagte oder nicht, irgendwie sah sie anders aus als sonst.
„Ja, mir geht’s prima. Nur ein wenig Stress wegen dem Chemiepraktikum das ich grad hab“ sagte er auf das Buch vor ihm deutend.
„Du hast deine neue Brille“ sagt er und ärgert sich selber darüber nicht gleich darauf gekommen zu sein, zumal sie es ihm noch gesagt hatte. „Sieht gut aus. Besser als die Alte.“
„Danke.“
Mit einem Blick über ihre Bücher fragte er. „Und, hast du etwas herausgefunden?“
Sie senkte den Blick und zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Das meiste was ich finde sind Geschichten. Selbst bei den Mythen ist es schwer zu sagen ob da jetzt was wahres dran sein könnte oder nicht.“ Sie seufzte.
Er nickte. „Ich habe auch mal im Internet geschaut. Aber... eigentlich war das alles eher Quatsch.“ Er zögerte „Nichts womit sich das mit dem Spiegel erklären ließe zumindest. Die anderen Sachen schon. Aber das mit dem Spiegel, darüber habe ich mir echt Gedanken gemacht wie das sein könnte, echt komisch.“
„Aber...“ fügte er an und dämpfte dabei die Stimme. „Du hast jetzt nicht... na ja... Hunger auf Blut oder so?“
„Nein“ sagte Susanna und schüttelte den Kopf fügte dann aber an. „Ich meine, ich habe schon mehr Hunger letzte Zeit.“ Sie zögerte, als er die Augenbrauen hob. „Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, aber, wenn ich ehrlich bin, ich fürchte das könnte noch kommen.
Ich würde nie jemandem etwas zuleide tun, wegen so etwas. „
Sie fuhr sich durch die Haare.
„Aber es ist schon so das ich letzte Zeit mehr Fleisch esse als sonst. Aber Blut würde ich nicht trinken, nein.“ Sie schüttelt sich bei dem Gedanken.
Er sah sie nachdenklich an. „Ich könnte mir vorstellen das du recht hattest, als du meintest es könnte eine Krankheit sein. Vielleicht eine sehr seltene. Die Geschichten über... Vampire, die gibt es ja schon sehr lange und fast überall in der Welt, irgendwo müssen die ja auch her kommen.
Sie saß auf dem Bett in ihrem Zimmer. Und hatte keine Ahnung wie sie das zu Papier bringen sollte, was sie im Kopf hatte. Sie tippte Buchstaben in ihren Laptop. Wörter, Sätze, Zeilen. Doch sie ist keine geborene Schriftstellerin. Stephen King ist ein geborener Schriftsteller, und ihr Lieblingsautor. Während sie versucht eine Geschichte zusammen zu bringen, fängt einer ihrer Eckzähne an weh zu tun. So doll, das sie die Hand zum Mund nehmen muss. Es ist der obere rechte Eckzahn, der jetzt schon seit zwei Tagen schmerzt. Sie fühlt mit der Zunge nach dem Zahn. Gewackelt hatte er bis jetzt noch nicht. Jetzt tut er es, wenn sie mit der Zunge darüber fährt.
Sie steht auf und geht ins Bad, wo über dem Waschbecken ein Spiegelschrank hängt.
Bevor sie ihren Zahn begutachtet schaut sie sich selber an, zu helle Haut, grüne Augen mit zu kräftigen schwarzen Augenbrauen und eine Brille auf der Nase. Nicht gerade das schönste Gesicht das einem begegnen konnte. Die schulterlangen schwarzen Haare waren da schon besser. Sie beugt sich über das Waschbecken und öffnet den Mund, um mit dem Finger an dem Eckzahn zu wackeln. Es schmerzt, doch so ein wackelnder Zahn hat auch seine Faszination für sich. Sie überlegt sich ob sie zum Zahnarzt gehen sollte. Eigentlich hat sie bis jetzt noch keine Probleme mit ihren Zähnen gehabt, hundertprozentig Gerade sind sie nicht, aber eine Zahnspange war nicht von Nöten und gebohrt werden musste zum Glück noch nie.
Sie schmeckte Blut und sah es auch an der Grenze von Zahn und Zahnfleisch entlang rinnen. Erst war sie nicht sicher was sie schmeckte, da es merkwürdig anders war, anders konnte sie das nicht beschreiben. Merkwürdig anders, als sie es erwartet hatte, süßer als sie es gewohnt ist.
Vielleicht war es auch eine Nebenwirkung der Schmerzen. Diese waren nicht unerträglich, ein ziehen in der Zahnwurzel, ein nerviges Drücken das nicht mehr aufhören wollte.
Wieder drückte sie mit dem Finger zu, um den Zahn zum wackeln zu bringen, doch dadurch wurde der halt vollends gelockert. Der Zahn viel ins Waschbecken.
Sie atmete erleichtert aus, denn die Schmerzen waren mit dem Zahn gegangen.
Die Lücke war natürlich unschön, zumal es etwas mehr blutete. Sie nahm den Zahn aus dem Waschbecken und spülte ihn unter Wasser ab und betrachtete ihn kurz. Dann legte sie ihn weg und spülte ihren Mund aus.
Noch weiter über das Waschbecken gebeugt untersuchte sie die neue Lücke. Beim näheren hinschauen, sah sie etwas weißes, ein neuer Zahn schien den alten heraus gedrückt zu haben. Sie hatte schon davon gelesen, das manche Menschen dritte Zähne bekommen. Auf jeden Fall war es besser, als eine Lücke. Er lugte gerade so aus dem Loch, sie fühlte mit dem Finger danach und merkte das dieser um einiges spitzer war, als der alte Zahn.
Sie merkte auch, das sich bei ihrem anderen oberen Eckzahn auch ein dritter Zahn ankündigte. Der linke Eckzahn wackelte zwar noch nicht, aber ein leichtes drücken war schon zu spüren.
Ein paar Wochen später.
Susanna ist bei einem guten Freund zu Besuch. Ihre WG-Mitbewohner Russland und Holger sind auch da.
Sie schauten sich zusammen einen Film an und es war ein gemütlicher Dienstagabend.
Christoph war für Susanna mehr als nur ein guter Freund, sie liebte ihn. Doch sie ist eine schüchterne Frau und will nicht ihre Freundschaft aufs Spiel setzen, wegen ihren Gefühlen zu Christoph, auch wenn es manchmal scheint, das Christoph auch an ihr interessiert wäre.
Jedenfalls vertraute Susanna Christoph. Christoph war eine sehr hilfsbereite Person, der einem kaum eine Bitte abschlagen würde. Er hatte die Gabe den Menschen richtig zuzuhören, was nur wenige schaffen.
Im Moment hatte Susanna nicht viele Freunde, und keinen anderen wie Christoph, mit dem sie über vieles reden konnte.
Deswegen entschied sie sich an diesem Abend Christoph zu erzählen was sie zur Zeit so beunruhigte. Sie entschloss sich etwas länger zu bleiben als die anderen, auch wenn das bedeutete das sie heute Nacht nach Hause laufen musste. Das Haus von Christophs Eltern stand in einem Vorort von Heidelberg, sie würde eine Stunde laufen müssen um zu ihrer eigenen Wohnung zu kommen. Normalerweise nahm Russland sie in seinem Auto mit. Susanna selber hatte aus finanziellen Gründen noch keinen Führerschein gemacht.
Russland wollte erst auf Susanna warten, doch Susanna machte ihm klar das sie nur mit Christoph sprechen möchte. Christoph schien etwas verwundert, normalerweise war Susanna nicht so darauf erpicht nur mit ihm alleine zu reden, doch er war auch Neugierig, was sie ihm zu sagen hatte.
Susanna setzte sich auf das Sofa im Wohnzimmer. Christophs Eltern waren schon in ihrem Bett, sie würden nicht rein platzen. Sie hielt ihr Glas Cola in der Hand und drehte es, starrte darauf. Christoph setzte sich ihr gegenüber auf einen Sessel.
„Also? Was gibt es?“ fragte er.
Susanna wusste nicht genau, wie sie das anfangen sollte. Es war ein schwieriges Thema.
Sie schaute auf, in seine Augen, und wieder auf das Glas Cola in ihrer Hand, als ob daran etwas interessantes wäre.
„Also ... “ stammelte sie. Sie ärgerte sich über sich selbst, sie hatte sich vorher überlegt, was sie ihm sagen wollte. Jetzt war sie unentschlossen ob das wirklich das richtige war. Vielleicht wäre ein Psychologe für sie die bessere Anlaufstelle.
Christoph hob die Augenbrauen und wartete ab.
„Ich muss ehrlich sagen, ich weiß nicht so richtig wie ich dir das sagen soll, was ich sagen will.“ , brachte sie hervor. „Es ist alles so komisch grade... Ich weiß nicht ob es richtig ist dir das zu sagen... vielleicht spinne ich auch nur.“
Nach einer ungemütlichen Pause sagt er: „Na ja, solange du mir nicht sagst was es ist, kann ich das nicht beurteilen.“
„Kannst du das dann bitte für dich behalten? Das wäre mit wichtig.“
„Natürlich.“ Sagt Christoph, er beugt sich in seinem Sessel vor und stützt sich mit den Ellbogen auf den Oberschenkeln ab. „Jetzt sag schon, was ist los? Du machst mich neugierig.“
„Also... seit einiger Zeit passiert irgendwie was komisches... mit mir. Und ich weiß nicht genau was es ist. Vielleicht eine Krankheit. Ich weiß nicht weiter. Ich mein, ich habe bis jetzt noch mit niemandem darüber geredet. Vielleicht kann ein Außenstehender, wie du das besser interpretieren.“ Sagt Susanna und merkt selber das sie nur drumherum redet und nicht auf den Punkt kommt.
Sie schaut von ihrem Glas hoch, um Christophs Reaktion abzuschätzen. Er wartet darauf, das sie mehr erzählt.
Susanna widmet sich wieder ihrem Glas während sie weiter erzählt. „Ich kann wieder besser sehen. Ich war letztens beim Augenarzt, weil ich nicht mehr sehr gut durch meine Brille gesehen habe, du weißt ja, ich bin stark kurzsichtig. Jedenfalls, war ich beim Arzt, weil ich dachte es wäre schlimmer geworden. Allerdings stellte der Doktor fest, das meine Sehstärke sich um einiges verbessert hat, fast um 50%. Deswegen bekomme ich jetzt eine neue Brille, morgen sollte die fertig sein.“ Susanna kann ihre Freude darüber kaum unterdrücken.
„Das ist doch toll, Susanna!“ sagt Christoph und lächelt Susanna an. „Und das wolltest du mir jetzt unbedingt alleine sagen?“
„Nein, das ist nicht alles. Es ist toll, ja, aber eben nicht alles.“
„Das dachte ich mir schon.“
„Ich weiß auch nicht ob das damit im Zusammenhang steht, jedenfalls sind mir vor etwa einer Woche die beiden Eckzähne ausgefallen und darunter sind mir neue nachgewachsen.“
„Neue echt? Ist ja interessant. Russland hatte mir letztens schon erzählt das du an Zahnschmerzen leidest.“
„Jetzt nicht mehr, ich denke es waren nur die Eckzähne, oben die beiden sind ausgefallen, erst der rechte, ein paar Tage später der linke.“ Sagt Susanna.
„Aber ich denke nicht das es irgendwie bedenklich ist, ich habe schon von anderen Leuten gehört, das ihnen dritte Zähne nachgewachsen sind. Zeig mal dein.“ Forderte er Susanna auf.
„Nein, lass mal., also man sieht so eigentlich nur die Löcher.“
„Ja die sind mir auch schon aufgefallen. Die dritten Zähne wachsen wohl noch nach was?“
„Das ist ja das komische daran. Die kommen irgendwie nicht aus dem Oberkiefer raus. Zumindest nicht so. Aber, das ist wirklich das komische, ich kann sie irgendwie ausfahren. Und die sehen auch etwas anders aus, als die Eckzähne die ich vorher da hatte.“
„Wie meinst du das? Du kannst die ausfahren?“
„Du glaubst mir nicht...“
„Doch! Aber ich kann mir das gerade nicht so richtig vorstellen. Zeig doch mal was du meinst.“
„Nein, ich ... ich will das nicht zeigen, es sieht nicht schön aus.“ Meint sie, etwas hin und hergerissen, ob sie Christoph das zeigen sollte oder nicht. Sie wollte auf keinen Fall das er vor ihr Angst bekommen würde.
„Ach Susanna, das macht doch bei mir nichts. Ich sag es auch niemandem weiter, wie schon versprochen.“
„Hmm..“
Christoph schaute sie auffordernd an.
„Na gut. Aber nicht das du mich deswegen dann nicht mehr magst...“
„Du machst dir zu viele Gedanken Susanna.“
„Na ja...“
Susanna öffnete den Mund zu einem etwas verzerrtem Lächeln und zog die Lippe hoch. In der oberen Reihe waren deutlich die beiden Lücken, anstelle der Eckzähne zu sehen.
Dann fuhr sie die längeren und spitzeren Eckzähne aus. Sie schienen auch dünner, ähnlich Giftzähnen einer Schlange gebaut. Schnell fuhr Susanna sie wieder ein und blickte wieder ihr noch volles Cola-Glas an.
„Ok, von so etwas habe ich noch nicht gehört.“ Gab Christoph zu, der sich im Sessel zurücklehnt und nachdenklich scheint.
„Es sieht wirklich etwas merkwürdig aus, Susanna.... Aber ich mag dich immer noch.“
Als Susanna wieder aufschaute blinzelte er ihr zu. Sie schien sichtlich erleichtert, das sie ihm das gesagt hatte.
„Sehen aus wie Vampirzähne“
„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen.“ Murmelt Susanna mit einer ernsten Miene.
Dieser Bemerkung folgte eine Weile Stille. Beide waren in ihren Gedanken versunken. Christoph fühlte sich nun etwas unsicher, auch wenn es Unsinn war. Nicht wegen Susanna, aber wegen der Möglichkeit des Unmöglichen.
„Ich habe das Gefühl das ich mehr kann, also, körperlich.“ Erzählt Susanna weiter, jetzt wollte sie alles erzählen. „Ich meine, ich mache nicht viel Sport. Das weißt du ja. Letzte Zeit habe ich aber das Gefühl das ich besser werde, ausdauernder, aber das könnte jetzt auch subjektiv sein. Ich habe es nicht überprüft.“
Sie macht eine kurze Pause.
„Und dann ist da noch etwas. Das ist irgendwie das schlimmste.“ Sagt sie und schluckt danach, als ob ihre Kehle zugeschnürt wäre, bei dem Gedanken.
„Es ist...“ sie bricht ab, überlegt es sich anders. Sie steht auf. „Komm, ich möchte sehen ob du das auch siehst. Vielleicht spinne ich auch echt, wer weiß?“ sagt sie mit einem merkwürdigem Ton.
Christoph steht auf, fasst widerwillig. Irgendwie hatte er auf einmal das Gefühl das er das gar nicht wissen wollte, nicht wenn er sich sein heiles Weltbild bewahren wollte.
Doch er hatte keine andere Wahl. Er folgte Susanna durch den Flur ins Bad, in dem ein großer Wandspiegel an der Wand hing.
Er stellte sich neben sie vor den Spiegel. Es waren zwei Waschbecken nebeneinander unter dem Spiegel angebracht.
„Fällt dir irgendetwas auf?“ fragte Susanna mit einem merkwürdigem Unterton in ihrer Stimme. Sie hatte Angst. Sie wollte gar nicht, das Christoph etwas sieht. Zumindest jetzt, wollte sie lieber verrückt sein.
Christoph sah in den Spiegel. Auf den ersten Blick viel ihm nichts auf. Das Licht im Bad war hell. Er sah sich deutlich im Spiegel, wie alles andere auch. Es schien kein Unterschied zwischen seinem Abbild und Susannas. Bei genauerem hinschauen dachte er das um Susannas Kopf die Umrisse etwas unscharf wirkten, aber das konnte er auf seine Müdigkeit schieben. Immerhin war es fast 1 Uhr nachts.
„Mir fällt jetzt nichts so besonderes auf, ehrlich gesagt.“ Sagte er vorsichtig. In ihm stiegen Zweifel auf, wollte Susanna ihn verarschen?
Susanna ging einen Schritt zurück, so das sie mit dem Rücken an der Wand stand. „Komm auch hier her“ forderte sie ihn auf. Er machte auch einen Schritt rückwärts, so das er neben ihr an der Wand stand und kam sich da etwas komisch vor.
Jetzt wirkte die Unschärfe deutlicher um Susannas Kopf und Hände. Da wo ihre Kleider waren, war es so wie bei ihm, doch das Gesicht von Susanna wirkte im Spiegel aufgelöster.
„Siehst du das?“ fragte Susanna. „Das ich irgendwie nicht so deutlich abgebildet werde, wie du?“
Christoph schüttelte ungläubig den Kopf. „Das könnte auch das Licht sein. Stell dich mal hier hin.“ Sagte er und wechselte mit Susanna die Seiten. Doch das Bild blieb gleich.
„Du siehst es, oder?“ fragte sie fast ängstlich. Christoph lief ein Schauer über den Rücken.
„Ja.“ Sagte er schließlich.
„Weißt du was das sein könnte?“ fragt Susanna, als ob Christoph das wissen könnte.
„Nein, ich weiß nicht.“ Sagt er, „Was denkst du?“
„Ich weiß selber nicht was ich denken soll... Ehrlich gesagt, ich habe Angst.“
„Das verstehe ich“ sagte Christoph und legte eine Hand auf ihre Schulter. Im Spiegel war seine Hand seine Hand deutlich abgegrenzt, im Gegensatz zu Susannas Haut. Er schüttelte den Kopf ungläubig. „Aber dafür muss es irgendeine plausible Erklärung geben, Susanna.“
„Das denke ich auch, vielleicht habe ich irgendeine Krankheit, die Zellen verändert, so das Licht anders abgestrahlt wird.“ Versucht es Susanna, auch wenn sie selber weiß, das dies kaum möglich ist. Schließlich studiert sie Biologie.
„Auf jeden Fall wird es langsam schlimmer.“
„Leider kann ich dir da jetzt auch gar nicht weiterhelfen, Susanna, ich weiß nicht ob es sinnvoll ist deswegen zu einem Arzt zu gehen. Ich meine, es behindert dich ja nicht, oder?“
„Nein, nicht wirklich, ich meine das meine Augen besser werden ist ja sehr gut ... ich weiß nicht mal ob das damit zusammenhängt.“ Sie deutet zum Spiegel und geht einen Schritt vorwärts, dann noch einen so das sie direkt am Waschbecken steht. So scheint nichts anders zu sein, alles normal. „Vielleicht ist es doch irgendeine optische Täuschung Susanna.“ Versucht es Christoph, sobald das was unmöglich sein kann, aus den Augen verschwunden ist. „Das hoffe ich auch irgendwie.“, meint sie und geht aus dem Bad über den Flur wieder in das Wohnzimmer.
Eine Weile sitzen die beiden schweigend im Wohnzimmer, Susanna nippt an ihrer Cola und wartet auf Christoph Reaktion auf das ganze.
„Seit wann ist das schon?“ fragt Christoph nach einer Weile.
„Ich weiß nicht genau... aber schon ein paar Monaten jetzt, vielleicht seit dem letzten Urlaub, aber ich bin mir echt nicht sicher... es ist ja nicht so das es auf einmal so ist.
Es kommt so schleichend, das ist mir wirklich unheimlich, Christoph.“
„Ja das kann ich verstehen, in deiner Situation wüsste ich auch nicht was ich machen sollte... Es ist schon merkwürdig.“, er schüttelt dabei wieder den Kopf und schnaubt durch die Nase.
„Was denkst du wäre das beste? Ich weiß grade echt nicht was ich tun soll. Ich versuch mich schon zu informieren, habe mir diverse Bücher geholt über ... na ja.“ Sie wollte es nicht aussprechen, nicht zu Ende denken. Sie versuchte nach außen hin ruhig zu wirken, es war nicht ihre Art Gefühlsausbrüche zu haben. Doch ihre Augen verrieten Christoph ihre Verzweiflung.
„Das wird schon Susanna, wenn du willst helfe ich dir, irgendwie muss sich das doch erklären lassen.“ Versucht Christoph sie zu beruhigen. „Ich werde mich auf jeden Fall auch mal informieren und wenn du irgendwas hast, dann helfe ich dir gerne.“
„Danke. Das ist sehr nett von dir.“ Susanna wirkt etwas erleichtert, „Ich hatte schon Angst, wenn ich dir das zeige... mit den Zähnen und so, na ja, das du dann vielleicht Angst vor mir bekommst oder nichts mehr mit mir zu tun haben willst.“
„Ach was! Susanna, du kennst mich doch. Wegen so etwas lass ich dich nicht im Stich.“ Sagt er etwas lauter, entrüstet über Susannas Aussage, fährt dann aber in einem ruhigerem Ton weiter.
„Ein bisschen unheimlich finde ich die Sache ja schon. Ich glaube das würde jeder. Aber Angst? Vor dir?“ er lachte über den Gedanken. Darüber musste Susanna auch lachen, wenn es auch ein etwas ersticktes Lachen war. Sie war wirklich nicht jemand vor dem man Angst haben musste...zumindest bis jetzt. Sie hörte auf zu lachen und seufzte.
„Na ja, ich denke, ich werde dann mal nach Hause gehen.“ Nach einem Blick auf seine Armbanduhr nickt Christoph. „ Oh ja, es ist echt schon spät geworden.“
Sie gehen aus dem Wohnzimmer in den Flur wo Susanna ihre Jacke und Schuhe anzieht.
Sie unterhalten sich leise, um Christophs Eltern nicht in ihrem Schlaf zu stören.
„Danke das du mir zugehört hast, ich wusste erst echt nicht wem ich das erzählen sollte.“
„Susanna das ist überhaupt kein Problem und wenn noch etwas ist, dann sag Bescheid.“
Sie nickte. „Und bitte sag das mal niemandem weiter, ja?“
„Das habe ich dir doch schon versprochen.“ Er verdrehte die Augen.
„Ja ich wollte nur sicher gehen.“ Sie ging die Treppe hinunter zur Haustür, Christoph begleitete sie noch zur Tür.
„Ok, dann mach’s gut Susanna, mach dir nicht zu viele Gedanken darüber. Das wird schon wieder.“
„Hoffentlich“ sagt sie ohne daran zu glauben, „Bis demnächst.“
Dann ging sie zu sich nach Hause.
Die Dunkelheit macht ihr nichts aus. Sie kann eigentlich sehr gut sehen im Dunkeln, mittlerweile.
Zwei Tage später traf Christoph Susanna in der Unibibliothek in Heidelberg. Sie saß an einem Tisch in einer Ecke mit einem Stapel Bücher über Vampire vor ihr. Sie blätterte gerade in einem dickerem Buch mit dem Titel „Ursprung des Vampirmythos in Europa“
Er setzt sich zu ihr und legt das Chemiebuch das er in der Hand hat auf den Tisch, er wollte darin etwas nachschlagen für ein Praktikum.
„Wie geht es dir?“ fragt er.
Sie schaut etwas überrascht auf, in Büchern konnte sie sich schnell verlieren, doch dann lächelte sie ihm zu. „Gut.“ nickte sie. „Und dir?“
Er schaute sie an, war sich nicht sicher ob sie die Wahrheit sagte oder nicht, irgendwie sah sie anders aus als sonst.
„Ja, mir geht’s prima. Nur ein wenig Stress wegen dem Chemiepraktikum das ich grad hab“ sagte er auf das Buch vor ihm deutend.
„Du hast deine neue Brille“ sagt er und ärgert sich selber darüber nicht gleich darauf gekommen zu sein, zumal sie es ihm noch gesagt hatte. „Sieht gut aus. Besser als die Alte.“
„Danke.“
Mit einem Blick über ihre Bücher fragte er. „Und, hast du etwas herausgefunden?“
Sie senkte den Blick und zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Das meiste was ich finde sind Geschichten. Selbst bei den Mythen ist es schwer zu sagen ob da jetzt was wahres dran sein könnte oder nicht.“ Sie seufzte.
Er nickte. „Ich habe auch mal im Internet geschaut. Aber... eigentlich war das alles eher Quatsch.“ Er zögerte „Nichts womit sich das mit dem Spiegel erklären ließe zumindest. Die anderen Sachen schon. Aber das mit dem Spiegel, darüber habe ich mir echt Gedanken gemacht wie das sein könnte, echt komisch.“
„Aber...“ fügte er an und dämpfte dabei die Stimme. „Du hast jetzt nicht... na ja... Hunger auf Blut oder so?“
„Nein“ sagte Susanna und schüttelte den Kopf fügte dann aber an. „Ich meine, ich habe schon mehr Hunger letzte Zeit.“ Sie zögerte, als er die Augenbrauen hob. „Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, aber, wenn ich ehrlich bin, ich fürchte das könnte noch kommen.
Ich würde nie jemandem etwas zuleide tun, wegen so etwas. „
Sie fuhr sich durch die Haare.
„Aber es ist schon so das ich letzte Zeit mehr Fleisch esse als sonst. Aber Blut würde ich nicht trinken, nein.“ Sie schüttelt sich bei dem Gedanken.
Er sah sie nachdenklich an. „Ich könnte mir vorstellen das du recht hattest, als du meintest es könnte eine Krankheit sein. Vielleicht eine sehr seltene. Die Geschichten über... Vampire, die gibt es ja schon sehr lange und fast überall in der Welt, irgendwo müssen die ja auch her kommen.
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