Donnerstag, 19. Juni 2014
Der Ball der Vampire
shira, 19:49h
Der Ball der Vampire
Aus einer Heidelberger Zeitung,
Rubrik Heiteres und Kurioses:
Gestern Nacht wurden Polizeibeamte zu dem Schloss in Heidelberg gerufen. Ein 34 jähriger Mann stürmte in die Polizeistation. Er behauptete auf dem Schloss würden Vampire ihr Unwesen treiben. Es stellte sich heraus das dort gestern Abend der all jährige „Ball der Vampire“ stattfand. Als zwei der Beamten dort gegen drei Uhr eintrafen war die Veranstaltung schon zu Ende und die meisten (verkleideten) Vampire verschwunden. Wahrscheinlich hat der Herr der behauptete die echten Vampire gesehen zu haben, ein paar „Vampircocktails“ zu viel getrunken. Er selbst war übrigens als Vampirjäger verkleidet und hatte eine Knoblauchkette um den Hals geschlungen.
Die rote Friedhofskerze flackerte, als Christoph mit dem Bein an den niedrigen Tisch stieß. Die Sitzbank war für ihn etwas zu dicht an dem langen Holztisch aufgestellt. Leise fluchend rieb er sich das Knie, der Tisch war recht solide.
Einer von der Sorte die man auch auf öffentlichen Picknickplätzen finden könnte, die Bank war fest am Tisch angebracht und nicht beweglich.
Und diese „Zorro“ - Maske schränkte sein Gesichtsfeld doch etwas ein.
Christoph sippte erst mal einen Schluck von seinem Bier.
Am anderen Ende der Bank saß ein typischer Vampir. Er war ganz in schwarz gekleidet, hatte ein langes schwarzes Cape umgebunden, sein Gesicht war so weiß wie Milch, mit schwarz umrandeten Augen und mit Kunstblut gefärbte Lippen. An den Fingern hatte er künstlich verlängerte klauenartige Nägel. Die künstlichen Vampirzähne aber, lagen vor ihm auf dem Tisch. Der Vampir unterhielt sich angeregt, mit der übergewichtigen Vampir-Dame im schwarzen, halb durchsichtigem Rüschenkleid, die ihm gegenüber saß. Dabei waren ihm die billigen Plastikprothesen wohl doch hinderlich.
Sie unterhielten sich gerade darüber, ob sich Vampire in Fledermäuse verwandeln könnten oder nicht. Die Vampir-Dame trank einen „blutigen Rotwein“ und der Vampir einen „Hexenpunsch“.
Ein als Zombie verkleideter Kellner kam vorbei und nahm die drei leeren Gläser mit, die noch auf dem Tisch rumstanden.
Christoph richtete seinen Blick in sein Bierglas, er beachtete die kunstvolle Dekoration kaum, die den Gewölbekeller schmückte. Spinnweben und Stofffledermäuse hingen von der Decke, Kerzen und gedämmte Lampen sorgten für eine düstere Stimmung. Und es wurde gerade ein Lied nach dem anderen aus dem erfolgreichen Musical „Tanz der Vampire“ gespielt. Vereinzelt tanzten Leute auf der dafür vorgesehenen freien Fläche. Noch war es zu früh und die meisten standen nur am Rand der Tanzfläche an den Stehtischen oder saßen noch an den Holztischen und tranken sich Mut zu.
Christoph hatte gerade andere Gedanken.
Er hoffte das sie es nicht zu doll treiben würden und vor allem das sie sich an ihre Abmachung hielten.
Er trank einen Schluck Bier, als ihm eine Hand auf die Schulter gelegt wurde. Die Hand drückte ein wenig freundschaftlich und streichelte ein wenig über das schwarze Hemd, das er an hatte. Er wusste sofort das es seine Freundin war und rückte gleich etwas weiter die Bank entlang, so das sie sich neben ihn setzen konnte.
Sie setzte sich und fragte ob bei ihm alles klar wäre und lächelte ihn an. Wenn sie so lächelte konnte man die Lücken sehen, die da waren wo normalerweise die Eckzähne sind.
Er mochte ihr Gesicht, mit schwarzen Augen voller Leben, einer nicht zu großen und nicht zu kleinen Nase, dem schmalen Mund. Ihr Teint war ein wenig zu blass, aber ihre Haut gab einen guten Kontrast zu den langen schwarzen Haaren, die über ihre Schultern wallten. Der Rest von ihr war unter einem schwarzem, bis zum Boden reichendem Mantel verborgen.
Ihr lächeln war ehrlich und ansteckend. Sie liebte ihn über alles und er liebte sie.
„Mir geht es gut. Hab mich eben nur ein wenig allein gefühlt, da ihr ja eben alle wo anders unterwegs seid.“
„Tut mir leid. Aber jetzt bin ich ja da. Die anderen beiden müssten auch gleich kommen.“
Sie küsste ihn sanft auf die Lippen.
Als sie ihre Lippen voneinander lösten, saßen ihnen zwei weitere schlecht verkleidete Vampire gegenüber.
„Die kleben mal wieder aneinander.“ Meint der größere, blonde, junge Mann von ihnen zu dem anderen, der auch nicht klein geraten war und einen schwarzen Hut trug, auf dem eine Fledermaus an einem Draht befestigt war.
„Und habt ihr euern Spaß gehabt?“ fragt Susanna über den Tisch.
Tom wurde daraufhin ruhig, aber Holger schien zufrieden mit sich selbst. „Also ich schon“, sagte er und beugte sich über den Tisch, wobei die Fledermaus auf seinem Kopf vor und zurück wippte. „Du hattest recht Susanna“, er schaute kurz zu dem Vampir der mit seinen Plastikprothesen rumspielte und seiner übergewichtigen Begleiterin. Die dicke Vampir-Lady, war gerade dabei ihren Freund zum tanzen aufzufordern. Er schien davon nicht so begeistert.
Holger wandte sich wieder Susanna zu „die Leute hier haben kein Problem damit, die meisten fahren da sogar voll drauf ab.“
„Sag ich doch“ triumphierte Susanna, in Christophs Richtung schauend.
Er zuckte die Schultern.
„Ist ja ok.“, meint dieser, „wenn die das gut finden ist es nicht mein Problem. Haltet euch nur an unsere Abmachung, ja?“
„Natürlich tun wir das.“, antwortete Susanna prompt. Holger nickte eifrig, auch Tom stimmte dem zu.
„Dann ist ja gut.“ sagte Christoph und trank sein Bier leer. „Sieht so aus als bräuchte ich was neues zu trinken.“
„Sieht so aus.“, stimmte Tom zu, „Ich glaub ich nehme mir auch ein Bier, oder vielleicht sollte ich mal so einen blutigen Wein probieren. Ob da echtes Blut drin ist?“
Er winkte den Zombie-Kellner herbei.
„Was wollen die Herren und Damen denn zu trinken?“, fragt der Zombie mit einer leichten Verbeugung.
„Also ich hätte gerne den blutigen Wein, ist da denn echtes Blut drin?“ entgegnet Tom.
„Aber natürlich“, erwiderte der Zombie mit einem Augenzwinkern.
„Ich nehme mir mal so eine Blutcola. “, sagt Christoph, ein Bier wäre ihm lieber gewesen, aber er war an der Reihe zu fahren. Holger bestellte sich einen Vampircocktail und Susanna nahm ebenfalls eine Blutcola.
Christoph holte sein Handy aus der Hosentasche um auf die Uhr zu schauen.
22:30. Langsam wiegten sich die ersten Paare auf der Tanzfläche. Dort tanzte ein Werwolf mit einer Fledermaus, ein Vampirjäger mit einer Knoblauchkette um den Hals mit einer Vampirdame in einem roten Kleid, ein Graf Dracula mit einer recht lebendigen Leiche.
Susanna, die Christophs Blick gefolgt war sagte:
„Ich hoffe du tanzt nachher auch mal mit mir.“
„Das muss ich mir aber noch gut überlegen.“
„Wofür geht man denn auf einen Ball? Doch wohl um zu tanzen, also...“
„Lass mich erst noch meine Cola trinken.“
„Ja, ich hab ja gesagt, nachher erst. Jetzt sind mir da auch noch zu wenig Leute, da fällt man zu sehr auf. Aber, wenn nachher mehr tanzen, dann tanzt du mit mir eine Runde. Sonst muss ich nachher noch mit einem von denen da tanzen“, sie nickte zu Holger und Tom hinüber und grinste ihnen schelmisch zu.
„Ja, mach doch!“ sagte Christoph.
„Oh das wäre ja soo schlimm“, rief Tom über den Tisch, „pass auf Christoph, nachher verlässt sie dich noch wegen mir, wenn du nicht mit ihr tanzt.“
„Ja, das fürchte ich auch,“ dabei behielt Christoph Tom im Auge.
Susanna beugte sich zu Christoph.
„Ich will aber eh viel lieber mit dir tanzen, Christoph. Du kannst bestimmt besser tanzen als die beiden zusammen.“
Alles klar, dachte Christoph und nahm sich vor die Blutcola, welche der Zombiekellner gerade auf den Tisch stellte sehr langsam zu trinken.
Draußen war es kalt. Ein leichter Nieselregen wurde vom kalten Wind über den Schlosshof geblasen. Nicht sehr gemütlich hier draußen. Dennoch trotzte Christoph dem schlechten Wetter. Er brauchte einfach frische Luft. Nicht das es in dem Gewölbe in dem der Ball der Vampire stattfand sehr stickig oder verraucht war. Geraucht werden durfte sowieso nur hier draußen auf dem Hof. So standen ein paar Süchtige unter dem Eingangstor des Schlosses, damit sie wenigstens dem Regen entgingen.
Außerdem wollte er gerne im Auge behalten was die anderen drei hier draußen so machten. Sie waren vorhin wieder verschwunden und er hatte sie in dem Ballsaal nirgends sehen können, also mussten sie hier draußen sein. Aber er wusste nicht ob er wirklich wissen wollte was sie gerade taten. Er hatte schon so seine Vorstellungen.
Christoph rieb sich den Sprühregen aus dem Gesicht, die Zorro-Maske hatte er auf dem Tisch liegen lassen. Die war ihm doch zu sehr im Weg gewesen. Er ging zu den Rauchern unter das große steinerne Tor. Hier konnte er auch dem Wind etwas entkommen.
Grade als er unter dem Tor angekommen war und sich mit dem Rücken zu einer der Mauern gestellt hatte, sah er wie sich eine unscheinbare Tür, fast gegenüber vom Tor, nach außen hin öffnete. Es war zu dunkel und zu weit weg um die Person die heraustrat und schnell die Tür schloss genau zu erkennen. Doch der Hut mit der Fledermaus ließ nur auf Holger schließen, der jetzt über den Hof, in den Schlosskeller eilte. Wenn er Christoph sah, reagierte er nicht darauf.
Christoph sah sich um, keiner von den Leuten die hier standen hatten auf Holger geachtet.
Christoph ging über den Hof auf die Holztür zu. Er drückte die eiserne Klinke und öffnete die Tür weit genug um hinein zu gehen. Er ließ die Tür angelehnt, damit wenigstens etwas Licht von draußen, von den Lampen auf dem Hof herein drang. Er musste einen Augenblick warten, bis sich seine Augen an die Düsternis gewohnt hatten. Vor sich sah er einen schmalen Gang der an einer Wendeltreppe endete. Dies war ein Teil des Schlosses welches normal nicht Besuchern offen stand und im Gang lagen eine Leiter und Kabel herum. Christoph konnte Stimmen von oben hören. Er ging den Gang entlang und stieg die Steinstufen hinauf. Auf der Treppe sah er fast gar nichts, erst als er im ersten Stock angekommen war erhellten Fenster die Räume schwach. Jetzt konnte er deutlich die Stimme einer jungen Frau hören.
„Gerne möchte ich zu einem Vampir werden, wenn du mich zu einem machst.“, sie lachte dabei, wie über einen Scherz. Hier war auch ein schmaler Gang, rechts war eine moderne Tür eingebaut die nicht hierher passte, links ging es zu einem großen Raum mit großen Buntglasfenstern.
Toms Stimme drang durch die Tür: „ Ich kann dir Unsterblichkeit bringen und du kannst natürlich in der Dunkelheit sehen, willst du das?“
„Ja.“, sie klang angeheitert.
„Es wird nur kurz weh tun, aber danach bist du ein echter Vampir.“
„Ja jetzt mach schon“, sie schien ihn zu küssen.
Christoph ging in den Raum links von dem Gang. Trotzdem konnte er den gedämpften Schrei hören, von dem er wusste das er kam. Er wartete. Nach einer Weile machte Tom die Tür auf und war überrascht Christoph in dem Raum zu sehen.
„Was machst du denn hier?“, fragte er. Er schien ziemlich aufgeheitert.
„Nichts.“
„A ja, klar.“
„Was machst du?“, fragte Christoph überflüssiger weise.
„Ich verführe hübsche Frauen“
„...und enttäuscht sie dann.“
„Ach was, ich frage sie immer ob sie ein Vampir werden wollen. Und bis jetzt haben alle ja gesagt. Die meisten sind ja richtig begeistert davon.“ Tom grinste.
„Natürlich, weil sie ja nicht glauben das du sie wirklich zu einem machst.“
„Ist das meine Schuld?“, fragte Tom unschuldig.
„Wo ist Susanna?“
„Da drin.“ Sagte Tom mit einem schmunzeln und hielt die Tür für Christoph weit auf.
Auf dem Boden lag die junge Frau, als Vampir verkleidet. Sie schien Tod, an ihrem Hals waren die zwei Bissspuren die Tom hinterlassen hatte.
„Willst du die jetzt einfach da liegen lassen?“, fragte Christoph.
„Nein ich räume sie gleich weg, ich wollte erst mal wissen wer denn hier draußen herumlungert.“
Er ging zu der Frau hinüber und hob sie hoch. Er trug den scheinbar leblosen Körper wie ein Bräutigam über die Schwelle in einen angrenzenden kleinen Raum. Dort waren keine Fenster, wahrscheinlich war es mal eine Abstellkammer gewesen, und Christoph konnte nichts darin sehen.
„Du hättest mir auch sagen können das der Christoph vor der Tür herumlungert.“ Sagte Tom in dem Raum.
„Du hast nicht gefragt.“, kam Susannas Antwort, „leg sie dahin.“
Dann kam sie heraus.
„Ich glaube nicht das dir das hier gefällt Christoph.“ Sagte sie.
„Nicht wirklich.“
„Es wäre besser, wenn du nicht hier her kommst, nicht das jemand denkt, du hättest irgendwas mit dem verschwinden der Leute zu tun.“ Sie legte einen Arm um ihn und führte ihn hinaus.
„Wie viele, habt ihr schon ... gebissen?“, fragte er während sie die Treppe hinunter gingen. „Ein paar...“ wich Susanna aus.
„Wie viele?“
„Also, ich habe ... elf. Aber sie wollten alle Vampire werden! Ich habe alle gefragt.“
„Langsam müsstest du doch dann satt sein oder?“
„So langsam. Aber ein paar kann ich noch, vielleicht ein oder zwei.“
Christoph seufzte, es würden mehr werden als nur ein oder zwei, er kannte sie.
„Wenn hier noch sehr viel mehr Leute verschwinden, fällt es auf Susanna.“
„Wahrscheinlich tut es das. Deswegen möchte ich auch nicht das du hier rein kommst.“
Sie waren unten auf dem Schlosshof angelangt und Susanna schloss grade die Tür hinter ihnen. Es nieselte immer noch.
Sie gingen halb über den Hof, als Susanna ihn noch mal anhielt. „Ist alles weg?“, fragte sie. Er schaute sich ihr Gesicht an. „Ja“ sagte er. Nicht das es hier aufgefallen wäre, wenn sie noch Blutspuren an den Lippen hätte. Sie küsste ihn flüchtig. Dann gingen sie in den Gewölbekeller.
In dem Ballraum war die Party in vollem Gange. Die Musik war jetzt laut und viele Paare tanzten. Der Alkohol floss und die Stimmung wurde ausgelassener.
„He du hast mir doch versprochen das du mit mir tanzt, mein Lieber.“
„Hab ich das?“, fragte Christoph. Nach dem was er eben gesehen hatte fühlte er sich nicht nach tanzen. „Schau mal da ist Holger.“, fügte er an und wollte zu dem Stehtisch gehen, wo Holger mit ein paar Vampir-Mädels und dem Vampirjäger mit der Kette aus Knoblauchzehen stand. Doch Susanna packte ihn am Arm und zog ihn auf die Tanzfläche.
„Ich kann doch gar nicht tanzen“, protestierte Christoph halbherzig, aber fügte sich ihr. Sie tanzten einen Chacha und einen langsamen Walzer.
„Siehst du, so schlimm ist das nicht. Und du tanzt voll gut.“ Sagte sie. Dabei führte sie eher ihn und nicht umgekehrt, wie es sein sollte.
„Du tanzt aber noch viel besser“, schmeichelte er ihr. Es war schön mit ihr zu tanzen, aber neben ihr fühlte er sich etwas ungelenk, auch weil er an andere Dinge dachte, zum Beispiel was passieren würde wenn hier zu viele Leute vermisst wurden.
Susanna schien sich darüber keine Sorgen zu machen. Sie tanzte mit einer Leichtigkeit und Sinnlichkeit, die kaum zu beschreiben war. Nach einer Weile zog sie ihn in ihren Bann und er ließ sich darauf ein. Sie tat dies nicht um seine Liebe zu gewinnen, er liebte sie auch so. Es war ein erregendes Gefühl das sie allein durch ihre Nähe erzeugen konnte, genau so wie sie das Gegenteil Angst in Menschen erzeugen konnte. Er fühlte ihre angenehme Wärme und vergaß seine Gedanken. Er wollte mehr von ihr. Er zog sie an sich und küsste sie. Sie war einfach unbeschreiblich in jeglicher Weise.
„Ich kann es kaum erwarten bis wir heute zu Hause sind“ flüsterte sie ihm ins Ohr.
Er stimmte ihr zu und wünschte sich das gleiche. Er nahm sein Handy aus der Hosentasche. Es war fast halb zwei. Der Ball ging bis um drei.
„Das dauert noch so lange.“, sagte er zu ihr.
„Sollen wir uns jetzt gleich einen Platz suchen?“, flüsterte sie verführerisch, „Im Schloss gibt es bestimmt was.“
Er nahm ihre Hand und ging mit ihr wieder aus dem Ballsaal.
Der Wachmann sah wie ein junger Mann mit einem Hut mit Fledermaus eine etwas kräftigere Frau über den Schlosshof und durch eine Tür in einen Bereich des Schlosses führte der nicht betreten werden sollte. Er hatte vorhin schon beobachtet wie jemand anderes dort heraus gekommen war. Er ging seinen Pflichten nach, die jungen Leute wieder aus dem Teil des Schlosses hinaus zu scheuchen. Er ging die Wendeltreppe hoch und blieb vor der Tür stehen, hinter der er Stimmen hörte. Diese Tür sollte abgeschlossen sein. Er drückte die Klinke, die Tür glitt zur Seite.
Er sah den jungen Mann und die Frau in einer Umarmung im Raum stehen. Doch etwas irritierte ihn daran. Der Mann stand gebückt und hatte sein Gesicht seitlich am Hals der Frau und in ihren Haaren vergraben. Die Frau zuckte merkwürdig und keuchte, wie unter Schmerzen.
Der Wachmann starrte verwundert. Dann sackte die Frau zusammen. Als Holger sie auf den Boden gleiten ließ sah der Wachmann die Bisswunden in ihrem Hals. Holger sah überrascht auf. Blut rann ihm aus dem Mundwinkel und klebte an seinem Kinn.
„Hallo“, sagte er.
Der Wachmann wurde blass und rannte aus dem Gebäude so schnell er konnte.
Auf dem Hof beruhigte er sich wieder, wohl bewusst das ihn Leute beobachteten.
Er ging zu den Rauchern unter das Tor. Er wollte sie warnen. Aber wovor? Sollte er ihnen sagen das er gerade einen echten Vampir gesehen hatte? Das würde ihm kaum jemand glauben. Wenn seine Glaubwürdigkeit angezweifelt würde, würde er bestimmt seinen Job verlieren.
Desto mehr Zeit verstrich desto unwahrscheinlicher kam ihm das vor, was er gerade gesehen hatte. Vielleicht spielte ihm jemand gar einen Trick. So was wie Versteckte Kamera. Er sah sich um. Er sah keine Kameras.
Er beschloss erst einmal einen Kaffee trinken zu gehen und dann die Sache im Auge zu behalten. Er konnte die Sache immer noch später einem Kollegen erzählen. Es sollte bestimmt ein Scherz sein.
Er ging los, um sich einen Kaffee zu holen.
Gerade als der Wachmann raus auf den Hof gelaufen war, kam Susanna die Wendeltreppe hinunter, ihren Mantel zuknöpfend. Sie hatte ihn aufhalten wollen, aber war zu spät.
Sie ging zu Holger.
„Kannst du nicht aufpassen?“, herrschte sie ihn an, „Warum kommst du hier rein, wenn dich jemand beobachtet? Ihr Jungs seid echt toll! Der erzählt bestimmt bald anderen hier von. Dann werden hier mehr Leute nachschauen kommen.“
„Sorry Susanna, aber ich habe ihn echt nicht gesehen.“
„Weil du nicht geguckt hast. Mann! Wahrscheinlich müssen wir die jetzt wo anders hin räumen.“, sie deutete in Richtung der dunkle Abstellkammer.
Auch Christoph kam nun die Treppe herab. „Was ist passiert?“, fragte er.
„Weil Holger nicht aufpassen konnte war einer von den Wachmännern vom Schloss hier.“
„Is gut jetzt, es war meine Schuld, aber es ist jetzt passiert.“, entgegnete Holger.
„Aber es hätte nicht passieren sollen, Holger“
„Also was machen wir jetzt?“
„Ich habe noch den Schlüssel für die Tür. Aber ich weiß nicht ob die Wachmänner einen Ersatzschlüssel haben.
„Vielleicht sollten wir Heim gehen, Susanna.“, meinte Christoph.
„So lang der Wachmann nichts sagt ist es ja noch ok. Bis jetzt hat er es noch nicht. Vielleicht tut er es gar nicht.“, sagte sie zu Christoph, „und keiner wird ihm glauben.“
„Aber selbst wenn sie ihm nicht glauben wird er sie hier her führen.“, sagte Christoph.
„Wenn wir die Tür abschließen, dann sieht es für anderen Leute so aus als wäre hier nichts passiert. Sie werden schon nicht die Tür aufbrechen“, sagte Holger.
Susanna stimmte dem zu. „Wenn wir die Tür abschließen und den Wachmann etwas im Auge behalten, sollte es gehen.“
„Also, ich wäre echt dafür das wir gehen.“, versuchte Christoph es erneut.
„Wir bleiben nicht mehr lange Christoph.“, sagte Susanna. „Aber wenn du möchtest kannst du schon gehen. Wir müssen das hier dann eh noch aufräumen. Und ich möchte wirklich nicht das du hiermit irgendwie in Verbindung gebracht wirst. Ich denke mal, eine halbe Stunde oder so, bleiben wir noch.“
„Ich bleibe dann auch so lange.“
„Es wäre echt besser, wenn du jetzt schon alleine mit dem Auto heimfährst“, warf Holger ein, „wir können Heim laufen, das ist dann nicht so auffällig.“
„Ja, Holger hat Recht Christoph. Es ist besser wenn du ohne uns fährst. Wir können dann durch den Wald runter in die Stadt laufen.“
„Ich weiß nicht. Vielleicht habt ihr recht.“
„Christoph.“, sagt Susanna, „es ist besser, wenn du fährst, dann kann keiner auf den Gedanken kommen das du was mit den verschwundenen Menschen hier zu tun hättest. Es verschwinden ja noch welche nachdem du gegangen bist.“ Christoph sah die Gier in ihren Augen.
Es würde tatsächlich nicht mehr schön für ihn sein. Die drei würden noch was trinken und er würde wieder nur allein rum stehen.
„Na ja, dann geh ich halt. Aber, ihr macht nicht zu doll.“
„Aber natürlich nicht. Und ich komme dich danach noch mal besuchen.“, sie zwinkerte ihm zu.
Als er die Wendeltreppe runterging hörte Christoph wie die Tür unten aufging. Erschrocken blieb er stehen. Waren das schon die Wachmänner? Sein Herz hämmerte in seiner Brust.
Dann hörte er Toms Stimme und ging weiter die Stufen hinab.
„Hier wären wir“, hörte er Tom. Und ein Mädchen kicherte. „Hier ist es aber echt düster.“ „Komm die Treppe hoch, oben ist es heller... oh Christoph.“ „He“ hörte er das Mädchen, das er kaum erkennen konnte, „ich dachte wir wären hier alleine.“
„Bin schon weg“, raunte Christoph und zog an den beiden vorbei, hinaus auf den Hof. Dabei sah er sich um. Keiner beobachtete ihn, als er aus der Tür heraus kam. Viele Gäste waren schon dabei das Schloss wieder zu verlassen, einige in dem glauben das Verwandte oder Bekannte die mit ihnen hier her gekommen waren schon heim gegangen sein mussten.
Er saß jetzt schon eine viertel Stunde im Auto. Er tappte mit den Fingern auf dem Lenkrad. Der Regen tappte auf das Autodach. Er wischte wieder über die Frontscheibe, die gleich wieder anfing sich zu beschlagen. Sie hatten recht, er sollte heimfahren. Er konnte hier nichts tun. Der Schlüssel steckte bereits im Schloss. Christoph startete das Auto und wartete noch damit die Scheiben einigermaßen frei wurden. Die Uhr am Armaturenbrett zeigte 02:30.
Er konnte gerade wieder durch die Windschutzscheibe sehen, als er bemerkte wie ein Mann aus dem Schloss rannte. Er lief am Parkplatz vorbei. Der Mann, es war der mit der Knoblauchkette, hastete zur Treppe die vom Schloss in die Stadt hinunter führte. Er rannte als wäre ein Geist hinter ihm her und ohne auf die wenigen Leute zu achten, die sich zu Fuß auf den Heimweg machten. Oder ein Vampir, dachte Christoph. Das war nicht gut. Jetzt würde es wirklich nicht mehr lange dauern, bis die Polizei kam. Ob seine Freunde das wussten? Wahrscheinlich. Aber wenn nicht? Sie würden schon selbst klar kommen.
Christoph hatte ein ungutes Gefühl im Bauch. Hielten sie sich an ihre Abmachung? Irgendwie fühlte er sich für die Menschen hier verantwortlich. Er wusste Bescheid.
Ihm fiel ein das er seine Zorro – Maske auf dem Tisch im Gewölbekeller liegen lassen hatte. Dies veranlasste ihn dazu das Auto wieder aus zu machen und zurück zum Schloss zu gehen. Er wollte nur schnell die Maske holen und vielleicht dabei versuchen doch die anderen zum heimgehen zu bewegen.
Dann fiel ihm ein das er wahrscheinlich gar nicht ins Schloss gelassen wird. Er hatte keine Eintrittskarte, genauso wenig wie Susanna, Tom und Holger. Wenn sie welche gekauft hätten wüsste jeder das sie hier waren, das wollte Susanna aus ersichtlichen Gründen nicht. Sie waren vorhin alle durch ein offenes Fenster ins Schloss gekommen und sind von dort auf den Hof und in den Ballsaal gelangt. Für Vampire war es eben kein Problem drei Meter hoch zu springen. Und Susanna hatte Christoph einfach festgehalten und war mit ihm zusammen durch das Fenster gesprungen.
Aber alleine konnte er das natürlich nicht. Er ging trotzdem zum Eingang. Dort stand niemand, er schien Glück zu haben. Er ging schnell durch, niemand war da, um ihn auf zu halten. Er ging über die Brücke und kam zu dem eigentlichen Tor.
Hier war auch niemand, kein einziger Raucher. Es war auch niemand auf dem Hof zu sehen. Hatten schon so viele den Ball der Vampire verlassen?
Christoph steuerte den Gewölbekeller an. Die große Doppeltür war zu. Er drückte die Klinke, aber sie was verschlossen. Was war denn hier los? Von drinnen hörte er Musik und ausgelassene Stimmen.
Es gab ein Fenster links von der Tür. Von dort konnte Christoph nach unten in den Ballsaal schauen. Er konnte nur einen Ausschnitt sehen. Links einen Teil der Tanzfläche, die Stehtische und rechts ein paar von den Holztischen. Die Bar war auf seiner Seite, also direkt unter dem Fenster und nicht zu sehen. Die Tanzfläche war gefüllt, nur noch wenige versuchten zu der rockigen Musik, klassisch zu tanzen. Die meisten tanzten ausgelassen. Ein paar standen an den Stehtischen. Christoph sah Susanna an einem der Stehtische und Holger tanzte wild auf der Tanzfläche. Erst nach einer Weile entdeckte er Tom der mit einer jungen Frau an einem der Holztische saß und an ihr rummachte. Er sah auch seine Maske auf dem Tisch liegen, neben der roten Friedhofskerze.
Er sah auch das rechts, wo die Treppe zum Ausgang hochging, zwei Menschen etwas ratlos rumstanden. Denen war wohl auch schon aufgefallen das die Tür verschlossen war. Sie wurden aber gerade nicht beachtet.
Dann sprang Holger auf einen der Stehtische und tanzte dort. Er musste schon einiges getrunken haben. Susanna hatte ihm mal gesagt das Blut auf Vampire ähnliche Auswirkungen hat wie Alkohol bei Menschen. Wenn sie sehr viel davon tranken wurden sie ausgelassener. Aber Holger hatte ja auch einige Bier getrunken. Christoph war auf jeden Fall etwas überrascht.
Andere stellten sich um den Tisch herum und feuerten ihn an. Es gab auch eine sexy Vampirlady die es ihm gleich tat und auf einen der anderen Stehtische kletterte und ihr Glas Sekt über die Umstehenden verschüttete. Susanna feuerte Holger mit an, der sich jetzt sogar sein Hemd auszog. Tom kam dazu, Christoph konnte die Frau nirgends sehen mit der Tom eben zusammen gesessen hatte. Er stieg zu der Vampirlady mit auf den Tisch und umtanzte sie.
Es waren jetzt vielleicht 20 bis 25 Leute in dem Ballsaal.
Susanna tanzte jetzt mit einem jungen Mann, der als Werwolf verkleidet war. Nach einer Weile zog sie ihn rüber zu den Tischen, wo Christoph sie nicht mehr sehen konnte. Sie kam nach ein paar Minuten wieder auf die Tanzfläche, aber von dem Werwolf fehlte jede Spur. Kurz danach ging Tom wieder, mit der sexy Vampirlady zu den Tischen. Diesmal konnte Christoph sehen, wie Tom mit der Frau redete, mit ihr rumschmuste, sie küsste, dann mit der Hand ihren Mund zu hielt und ihr in den Hals Biss. Kaum jemand achtete auf die beiden und es war zu laut als das jemand den erstickten Schrei der Frau hören könnte.
Und die paar die es sahen waren wohl entweder zu betrunken oder dachten die beiden würden schauspielern. Tom stützte die nun leblose Vampirlady, wie man einen betrunkenen stützen würde und trug sie aus Christophs Blickfeld nach rechts.
Es war für Christoph unverständlich das niemand merkte was da passierte.
Ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken.
Aber dann sah er das doch ein paar Menschen umher liefen, Leute suchten und zum Teil verwirrt wirkten. Es standen nun fünf an der Treppe zum Aufgang und wirkten sehr aufgebracht.
Doch die Mehrheit war immer noch am Feiern. Die drei Vampire tanzten immer ausgelassener und die Menschen mit ihnen, sie merkten kaum das sie immer weniger wurden.
Susanna tanzte nun auch auf einem der Stehtische, Tom tanzte um sie herum, Holger tanzte auf einem Tisch mit zwei Vampirdamen.
Und Susanna hatte ihren Mantel ausgezogen!!!
Doch keiner schien etwas an ihr merkwürdig zu finden, vermutlich dachten die Leute dort, es wäre eine Verkleidung. Um sie herum war eine Art zweiter lederner Mantel geschwungen, der nachtschwarz war. Niemand schien zu bemerken das dieser Mantel sich ihren Bewegungen perfekt anpasste.
Sie war sichtlich erfreut. Christoph konnte das verstehen. Sonst konnte sie niemandem ihr Geheimnis zeigen, kein Mensch außer Christoph wusste davon. Doch hier ging es. Denn die Leute würden denken es wäre nur eine Verkleidung. Aber es war trotzdem riskant...
Ihm kam ein zweiter, erschreckenderer Gedanke. Was, wenn die ganzen Leute hier keine Gelegenheit mehr dazu bekommen würden, etwas über Susannas Aussehen zu erzählen?
Susannas Stimme drang zu seinem Ohr. Sie rief den Leuten zu:
„Ihr Geschöpfe der Nacht, wollt ihr unsterblich sein?“
Die Verkleideten antworteten ausgelassen.
„Ja“
„Wollt ihr unsterblich sein?“
„Jaa“
„Wollt ihr Blut trinken?“
„Jaa“, grölten immer mehr mit.
„Wollt ihr Vampire sein?“
„Jaa“
„Ich frage noch mal, wollt ihr Vampire sein?“
„Jaaaa!“ Alle brüllten jetzt mit.
Nein! dachte Christoph. Sagt doch nicht einfach ja. Seid ihr bescheuert. Sagt doch nicht einfach ja.
Er hörte einen Schrei. Holger hatte sich im Hals einer der Vampirdamen auf dem Tisch festgebissen. Unglaublicherweise feuerten Leute sie an, die dachten es wäre Theater. Einige wichen zurück. Unter die Leute kam Bewegung.
Dann faltete Susanna ihre Flügel, die sie vorher eingehüllt hatten, auseinander. Sie hatte eine Spannweite von mehr als drei Metern. Die Flügel waren denen einer Fledermaus ähnlich. Susanna hatte ein schwarzes Top an, ein T-Shirt konnte sie wegen den Flügeln die aus ihrem Rücken wuchsen nicht tragen, und eine schwarze Jeans.
Viele Leute verstummten plötzlich, jene die Susanna nahe standen wichen erschrocken zurück, andere drängten vor, einige jubelten immer noch. Ein paar applaudierten. Manche tanzten weiter. Die Stimmung änderte sich schlagartig, als Susannas Augen plötzlich weiß waren und sie ihre Vampirzähne ausfuhr. Sie hatte sowohl im Oberkiefer als auch im Unterkiefer ein Paar langer, spitzer Zähne. Und wenn sie das tat, sah ihr Gesicht nicht mehr hübsch aus.
Die Leute kreischten, verfielen in Panik und begannen Richtung Ausgang zu laufen. Nur ein paar begriffen immer noch nicht was los war und tanzten weiter. Susanna schnappte sich den nächst stehenden Herrn und saugte ihm in Sekunden sämtliches Blut aus den Adern, ließ ihn einfach fallen und holte sich den Nächsten. Tom und Holger taten es ihr nach.
Dann packte sich Susanna einen Mann und begann mit ihm zu tanzen. Sie bewegte ihn mit sich zur Musik wie eine Puppe, er machte eine Weile mit, dann versuchte er zu entkommen. Dafür biss sie ihm in den Nacken.
Tom kam zu Susanna. Er begann mit ihr einen wilden Tanz zu tanzen, schneller und eleganter als Menschen es hätten vollbringen können. Sie waren wirklich gut. Es sah etwas skurril aus, da Susanna zuweilen ihre Flügel mit einbezog. Sie tanzten über die ganze Tanzfläche, sprangen ab und an auf einen der Tische und schnappten sich zwischendurch einen von den Menschen, um ihnen das Blut auszusaugen.
Selbst jetzt standen Leute da und applaudierten.
Trotz des Schreckens fühlte Christoph Eifersucht in sich aufsteigen. Tom machte sich ziemlich offensichtlich an Susanna ran. Und er machte es auch noch gut.
Die Tür erzitterte, als Menschen dagegen anrannten und versuchten sie aufzumachen. Christoph wusste nicht ob er die Tür aufmachen sollte. Er sollte ihnen helfen, doch dann würden seine Freunde und er Probleme bekommen, wahrscheinlich ins Gefängnis wandern. Und sie waren ja selber Schuld! Wenn sie einfach ja sagten.
Die Leute schrien. Christoph ging zur Tür, aber er hatte ja gar keinen Schlüssel. Er drückte die Klinke und zog, doch das half natürlich nichts.
„Macht auf“, schrie jemand direkt hinter der Tür. Dann hörte er ein gurgelndes erstickendes Geräusch.
Christoph lief wieder zum Fenster, als in dem Raum die Lichter ausgingen. Nur die paar Friedhofskerzen auf den Tischen gaben etwas Licht. Ansonsten war es dunkel. Wieder ein Schmerzensschrei. Sie spielten mit den Leuten. Christoph war entsetzt. Wie eine Katze mit einer Maus spielt. Manchmal hörte er Susanna ihre Flügel schlagen.
Die Menschen versuchten in der Nähe der Kerzen zu bleiben.
Christoph sah wie ein Mensch auf einen anderen einschlug, der als Vampir verkleidet war.
Der fiel auf den Tisch, wo immer noch Christophs Zorro-Maske lag und stieß die Friedhofskerze um. Das Tischtuch fing Feuer und die Maske und der Umhang des Mannes der mit dem Rücken auf dem Tisch lag, kam damit in Berührung. In ein paar Sekunden brannte der ganze Umhang. Der Mann lief in Panik durch den Raum und erhellte die Umgebung, wie eine lebende Fackel. Er stolperte über die am Boden liegenden Menschen, keiner half ihm. Schließlich wurde er gepackt und auf einen anderen Tisch gezogen. Es war Susanna.
Es dauerte noch bis die letzten Schreie verstummten. Die beiden Tische die brannten erhellten nun den Raum in einem rötlichen Schein. Überall lagen Menschen. Es lief etwas von Apocalyptica. Susanna mochte die Musik. Sie tanzte wieder mit Tom, zu den Geigentönen.
Christoph ballte seine Hände zu Fäusten, als Tom versuchte Susanna näher zu kommen. Sie tanzten gerade auf einem der Stehtische. Susanna beendete ihren Tanz indem sie von dem Stehtisch runter hüpfte und dabei mit einem ihrer Flügel den Tisch unter Toms Füßen wegfegte. Der Tisch flog drei Meter, und Tom landete unsanft auf dem Hintern.
Christoph konnte sich trotz allem ein kichern nicht verkneifen. Er musste sich seiner Erleichterung Luft machen.
Tom zeigte seinen Mittelfinger zu dem Fenster, wo Christoph stand. Christoph war nicht all zu sehr überrascht. Er hatte schon vermutet das sie wussten, das er hier war.
„Fick dich selbst.“, sagte er.
„Machst du ihm die Tür auf?“ fragte Susanna Tom.
„Natürlich“, sagte er mit übertriebener Freundlichkeit.
„Susanna was sollte das hier?“, fragte Christoph, während er noch die Treppe zum Ausgang hinunter gelaufen kam. Er war aufgebracht, wütend über was sie getan hatten. Er fühlte sich hintergangen.
„Wieso? Wir haben uns an die Abmachung gehalten. Wie wir aus gemacht haben, habe ich sie gefragt ob sie Vampire werden wollen... und sie haben alle mit „ja“ geantwortet...“
„Aber... ihr könnt doch nicht... die haben das doch nicht ernst genommen. Außerdem waren die meisten ziemlich betrunken.“ Christoph ballte die Hände zu Fäusten.
„Na und“, entgegnete Holger, „was kümmert uns das denn? Die Hauptsache ist das sie „ja“ gesagt haben. Das war die Abmachung!“
„Sie wussten doch gar nicht wo rauf sie sich damit einlassen.“, sagte Christoph.
„Auf Vampire.“
„Und wo sind eigentlich die Wachleute?“
Betretenes Schweigen seitens der Vampire.
„Die habt ihr auch umgebracht!“
„Nein Christoph...“
„Ja Christoph!“, fiel Tom Susanna ins Wort, „wir haben sie alle umgebracht, wir sind Massenmörder. Du hast eine Massenmörderin zur Freundin! Vielleicht solltest du dir jemand anderes suchen.“
Christoph schrie ihn an: „Halts Maul!“ Er wusste das Tom genau darauf aus war. Was er sagte schmerzte. Etwas in seinem Inneren wollte schreien Nein! Nein! Ist sie nicht! Doch seine Augen sahen das es anders war.
Vor Wut drohte er Tom mit der Faust. Tom kam ihm grinsend, herausfordernd näher.
„Jetzt macht mal halb lang“, rief Susanna den beiden zu, “Tom du kannst schon mal anfangen hier aufzuräumen! Die müssen alle ganz nach unten, in den untersten Raum vom Schloss. Da wird keiner nach ihnen suchen.“
Tom warf ihr einen bösen Blick zu, ordnete sich ihr aber dann unter und nahm zwei von den Toten auf und brachte sie hinaus.
„Diese Menschen sind nicht tot und das weißt du!
Das wir sie zu Vampiren gemacht haben war das Beste was ihnen passieren konnte. Sie werden wohl für eine Weile schlafen, das ist wahr, aber sie sind nicht tot!“
„Jeder Mensch wird sie aber für tot halten“, gab Holger zu bedenken.
„Sie sind es aber nicht. Ich bin keine Mörderin!“, rief sie mit Nachdruck „Wenn sie aufwachen, wird es ihnen besser gehen.“
Christoph: “Aber wann wird das sein, Susanna, in zehn oder hundert Jahren?“
„Weiß ich nicht, aber sie werden dann stärker sein und noch mindestens 500 Jahre leben. Sie werden so gut wie unsterblich sein, welcher Mensch wünscht sich das nicht?“
„Ja toll, aber sie werden auch Blut trinken müssen.“
„Es muss ja nicht unbedingt Menschenblut sein...“
„Das hast du Holger am Anfang auch gesagt. Und konnte er sich daran halten?“
„Ich könnte wahrscheinlich schon“, warf Holger ein „Menschenblut schmeckt halt am besten, aber möglich wäre es schon, ohne aus zu kommen.“
„Das hat aber mal ganz anders geklungen Holger. Es verändert euren Charakter. Ihr merkt das nicht mal“, Christoph wirkte verzweifelt. “Du wolltest am Anfang überhaupt niemanden töten. Erinnerst du dich. Und wie viele waren es heute?“
Er zeigte mit dem Arm über die ganzen Menschen die am Boden und teilweise auf Tischen und Bänken lagen.
„Ich bin halt auf den Geschmack gekommen. Und die meisten hier wollten wirklich Vampire werden. Manche hier haben sich ja sogar schon für Vampire gehalten. Die haben bestimmt so schon Blut getrunken.“
„Darum geht’s jetzt nicht.“
„Christoph“, es war Susanna, „die meisten hier fanden es gut das wir sie zu Vampiren gemacht haben. Da bin ich sicher.“
„Und selbst wenn, es sind einfach zu viele. Ich dachte ihr wolltet nur ein paar zu Vampiren machen... aber das hier“, er schaute sich wieder um, insgesamt mussten sie an die 40 vielleicht sogar mehr ausgesaugt haben, „das sind einfach zu viele. Das könnt ihr nie vertuschen, die Polizei wird hinter euch her sein.“
„Dann müssen wir sie und uns halt für eine Weile verstecken.“ Sagte Susanna.
Christoph hätte vor Wut heulen können bei der Aussage.
„Du stellst dir das so einfach vor!“, schrie er. „Wo wollt ihr die alle verstecken?“
„Unter dem Schloss. Da gibt es Räume von denen kein Mensch mehr weiß das sie existieren.“
„Und ihr wollt für die nächsten Jahre auch in den Räumen da bleiben oder was?“
„Nein. Wir schaffen es auch so unerkannt zu bleiben.“
„Ach so, natürlich. Könnte es sein das du dir das etwas einfach vorstellst?“
„Könnte sein, wir werden es heraus finden.“
„Und was ist mit mir, Susanna?“
„Du solltest hier langsam mal verschwinden, bevor die Polizei hier ankommt, uns ist vorhin ein Typ entwischt. Der wird wohl zur Polizei gegangen sein. Ich kann schon eine Sirene hören.“
„Ich hör sie noch nicht. Ist noch weit weg.“, meinte Holger. „Wir sollten jetzt aber echt aufräumen.“ Er nahm sich einen Eimer, füllte ihn an der Theke mit Wasser und begann den Tisch zu löschen der immer noch brannte.
„Eins will ich aber noch wissen. Warum müsst ihr die so quälen bevor ihr sie tötet?“
Susanna lächelte: „Es ist das Adrenalin, Christoph. Deswegen jage ich ihnen gerne einen kleinen Schreck ein, bevor ich ihr Blut trinke. Das Adrenalin ist wie ein gutes Gewürz, und es steckt viel Energie darin. Musst du nicht verstehen.“
„Und das Blut wird wärmer, wenn Menschen Angst haben, es pumpt ja auch schneller.“, sagt Tom, der wiedergekommen war, um die nächsten beiden Toten abzuholen und unter das Schloss zu bringen.
Christoph seufzte. Er wusste nicht was er tun sollte.
„He Christoph!“ sagt Susanna, während sie begann die Toten alle auf einen Haufen neben dem Ausgang zu räumen.
„Es ist doch nur das eine mal jetzt. Einmal im Jahr darf man doch mal seinen Spaß haben und sich satt essen. Dafür sind wir ja jetzt erst mal für die nächsten Monate satt. Das ist doch gut.“
„Ja“ sagte er und schaute ihnen eine Weile zu, wie sie die ausgesaugten Menschen wegräumten. Es waren so viele. Nun hörte er eine einsame Polizeisirene langsam näher kommen.
Er ging hinaus, um Heim zu fahren bevor die Polizei ankommen würde.
Die ganze Zeit hatte er die ganzen verkleideten Menschen vor Gesicht, die auf dem Boden lagen, die kein Blut mehr in ihren Adern hatten, die Gesichter noch verzerrt vor Angst.
Dabei ging ihm ein Gedanke immer wieder durch den Kopf:
Wie wird es sein wenn die alle aufwachen und einmal im Jahr ein Fest machen um sich satt zu trinken?
Aus einer Heidelberger Zeitung,
Rubrik Heiteres und Kurioses:
Gestern Nacht wurden Polizeibeamte zu dem Schloss in Heidelberg gerufen. Ein 34 jähriger Mann stürmte in die Polizeistation. Er behauptete auf dem Schloss würden Vampire ihr Unwesen treiben. Es stellte sich heraus das dort gestern Abend der all jährige „Ball der Vampire“ stattfand. Als zwei der Beamten dort gegen drei Uhr eintrafen war die Veranstaltung schon zu Ende und die meisten (verkleideten) Vampire verschwunden. Wahrscheinlich hat der Herr der behauptete die echten Vampire gesehen zu haben, ein paar „Vampircocktails“ zu viel getrunken. Er selbst war übrigens als Vampirjäger verkleidet und hatte eine Knoblauchkette um den Hals geschlungen.
Die rote Friedhofskerze flackerte, als Christoph mit dem Bein an den niedrigen Tisch stieß. Die Sitzbank war für ihn etwas zu dicht an dem langen Holztisch aufgestellt. Leise fluchend rieb er sich das Knie, der Tisch war recht solide.
Einer von der Sorte die man auch auf öffentlichen Picknickplätzen finden könnte, die Bank war fest am Tisch angebracht und nicht beweglich.
Und diese „Zorro“ - Maske schränkte sein Gesichtsfeld doch etwas ein.
Christoph sippte erst mal einen Schluck von seinem Bier.
Am anderen Ende der Bank saß ein typischer Vampir. Er war ganz in schwarz gekleidet, hatte ein langes schwarzes Cape umgebunden, sein Gesicht war so weiß wie Milch, mit schwarz umrandeten Augen und mit Kunstblut gefärbte Lippen. An den Fingern hatte er künstlich verlängerte klauenartige Nägel. Die künstlichen Vampirzähne aber, lagen vor ihm auf dem Tisch. Der Vampir unterhielt sich angeregt, mit der übergewichtigen Vampir-Dame im schwarzen, halb durchsichtigem Rüschenkleid, die ihm gegenüber saß. Dabei waren ihm die billigen Plastikprothesen wohl doch hinderlich.
Sie unterhielten sich gerade darüber, ob sich Vampire in Fledermäuse verwandeln könnten oder nicht. Die Vampir-Dame trank einen „blutigen Rotwein“ und der Vampir einen „Hexenpunsch“.
Ein als Zombie verkleideter Kellner kam vorbei und nahm die drei leeren Gläser mit, die noch auf dem Tisch rumstanden.
Christoph richtete seinen Blick in sein Bierglas, er beachtete die kunstvolle Dekoration kaum, die den Gewölbekeller schmückte. Spinnweben und Stofffledermäuse hingen von der Decke, Kerzen und gedämmte Lampen sorgten für eine düstere Stimmung. Und es wurde gerade ein Lied nach dem anderen aus dem erfolgreichen Musical „Tanz der Vampire“ gespielt. Vereinzelt tanzten Leute auf der dafür vorgesehenen freien Fläche. Noch war es zu früh und die meisten standen nur am Rand der Tanzfläche an den Stehtischen oder saßen noch an den Holztischen und tranken sich Mut zu.
Christoph hatte gerade andere Gedanken.
Er hoffte das sie es nicht zu doll treiben würden und vor allem das sie sich an ihre Abmachung hielten.
Er trank einen Schluck Bier, als ihm eine Hand auf die Schulter gelegt wurde. Die Hand drückte ein wenig freundschaftlich und streichelte ein wenig über das schwarze Hemd, das er an hatte. Er wusste sofort das es seine Freundin war und rückte gleich etwas weiter die Bank entlang, so das sie sich neben ihn setzen konnte.
Sie setzte sich und fragte ob bei ihm alles klar wäre und lächelte ihn an. Wenn sie so lächelte konnte man die Lücken sehen, die da waren wo normalerweise die Eckzähne sind.
Er mochte ihr Gesicht, mit schwarzen Augen voller Leben, einer nicht zu großen und nicht zu kleinen Nase, dem schmalen Mund. Ihr Teint war ein wenig zu blass, aber ihre Haut gab einen guten Kontrast zu den langen schwarzen Haaren, die über ihre Schultern wallten. Der Rest von ihr war unter einem schwarzem, bis zum Boden reichendem Mantel verborgen.
Ihr lächeln war ehrlich und ansteckend. Sie liebte ihn über alles und er liebte sie.
„Mir geht es gut. Hab mich eben nur ein wenig allein gefühlt, da ihr ja eben alle wo anders unterwegs seid.“
„Tut mir leid. Aber jetzt bin ich ja da. Die anderen beiden müssten auch gleich kommen.“
Sie küsste ihn sanft auf die Lippen.
Als sie ihre Lippen voneinander lösten, saßen ihnen zwei weitere schlecht verkleidete Vampire gegenüber.
„Die kleben mal wieder aneinander.“ Meint der größere, blonde, junge Mann von ihnen zu dem anderen, der auch nicht klein geraten war und einen schwarzen Hut trug, auf dem eine Fledermaus an einem Draht befestigt war.
„Und habt ihr euern Spaß gehabt?“ fragt Susanna über den Tisch.
Tom wurde daraufhin ruhig, aber Holger schien zufrieden mit sich selbst. „Also ich schon“, sagte er und beugte sich über den Tisch, wobei die Fledermaus auf seinem Kopf vor und zurück wippte. „Du hattest recht Susanna“, er schaute kurz zu dem Vampir der mit seinen Plastikprothesen rumspielte und seiner übergewichtigen Begleiterin. Die dicke Vampir-Lady, war gerade dabei ihren Freund zum tanzen aufzufordern. Er schien davon nicht so begeistert.
Holger wandte sich wieder Susanna zu „die Leute hier haben kein Problem damit, die meisten fahren da sogar voll drauf ab.“
„Sag ich doch“ triumphierte Susanna, in Christophs Richtung schauend.
Er zuckte die Schultern.
„Ist ja ok.“, meint dieser, „wenn die das gut finden ist es nicht mein Problem. Haltet euch nur an unsere Abmachung, ja?“
„Natürlich tun wir das.“, antwortete Susanna prompt. Holger nickte eifrig, auch Tom stimmte dem zu.
„Dann ist ja gut.“ sagte Christoph und trank sein Bier leer. „Sieht so aus als bräuchte ich was neues zu trinken.“
„Sieht so aus.“, stimmte Tom zu, „Ich glaub ich nehme mir auch ein Bier, oder vielleicht sollte ich mal so einen blutigen Wein probieren. Ob da echtes Blut drin ist?“
Er winkte den Zombie-Kellner herbei.
„Was wollen die Herren und Damen denn zu trinken?“, fragt der Zombie mit einer leichten Verbeugung.
„Also ich hätte gerne den blutigen Wein, ist da denn echtes Blut drin?“ entgegnet Tom.
„Aber natürlich“, erwiderte der Zombie mit einem Augenzwinkern.
„Ich nehme mir mal so eine Blutcola. “, sagt Christoph, ein Bier wäre ihm lieber gewesen, aber er war an der Reihe zu fahren. Holger bestellte sich einen Vampircocktail und Susanna nahm ebenfalls eine Blutcola.
Christoph holte sein Handy aus der Hosentasche um auf die Uhr zu schauen.
22:30. Langsam wiegten sich die ersten Paare auf der Tanzfläche. Dort tanzte ein Werwolf mit einer Fledermaus, ein Vampirjäger mit einer Knoblauchkette um den Hals mit einer Vampirdame in einem roten Kleid, ein Graf Dracula mit einer recht lebendigen Leiche.
Susanna, die Christophs Blick gefolgt war sagte:
„Ich hoffe du tanzt nachher auch mal mit mir.“
„Das muss ich mir aber noch gut überlegen.“
„Wofür geht man denn auf einen Ball? Doch wohl um zu tanzen, also...“
„Lass mich erst noch meine Cola trinken.“
„Ja, ich hab ja gesagt, nachher erst. Jetzt sind mir da auch noch zu wenig Leute, da fällt man zu sehr auf. Aber, wenn nachher mehr tanzen, dann tanzt du mit mir eine Runde. Sonst muss ich nachher noch mit einem von denen da tanzen“, sie nickte zu Holger und Tom hinüber und grinste ihnen schelmisch zu.
„Ja, mach doch!“ sagte Christoph.
„Oh das wäre ja soo schlimm“, rief Tom über den Tisch, „pass auf Christoph, nachher verlässt sie dich noch wegen mir, wenn du nicht mit ihr tanzt.“
„Ja, das fürchte ich auch,“ dabei behielt Christoph Tom im Auge.
Susanna beugte sich zu Christoph.
„Ich will aber eh viel lieber mit dir tanzen, Christoph. Du kannst bestimmt besser tanzen als die beiden zusammen.“
Alles klar, dachte Christoph und nahm sich vor die Blutcola, welche der Zombiekellner gerade auf den Tisch stellte sehr langsam zu trinken.
Draußen war es kalt. Ein leichter Nieselregen wurde vom kalten Wind über den Schlosshof geblasen. Nicht sehr gemütlich hier draußen. Dennoch trotzte Christoph dem schlechten Wetter. Er brauchte einfach frische Luft. Nicht das es in dem Gewölbe in dem der Ball der Vampire stattfand sehr stickig oder verraucht war. Geraucht werden durfte sowieso nur hier draußen auf dem Hof. So standen ein paar Süchtige unter dem Eingangstor des Schlosses, damit sie wenigstens dem Regen entgingen.
Außerdem wollte er gerne im Auge behalten was die anderen drei hier draußen so machten. Sie waren vorhin wieder verschwunden und er hatte sie in dem Ballsaal nirgends sehen können, also mussten sie hier draußen sein. Aber er wusste nicht ob er wirklich wissen wollte was sie gerade taten. Er hatte schon so seine Vorstellungen.
Christoph rieb sich den Sprühregen aus dem Gesicht, die Zorro-Maske hatte er auf dem Tisch liegen lassen. Die war ihm doch zu sehr im Weg gewesen. Er ging zu den Rauchern unter das große steinerne Tor. Hier konnte er auch dem Wind etwas entkommen.
Grade als er unter dem Tor angekommen war und sich mit dem Rücken zu einer der Mauern gestellt hatte, sah er wie sich eine unscheinbare Tür, fast gegenüber vom Tor, nach außen hin öffnete. Es war zu dunkel und zu weit weg um die Person die heraustrat und schnell die Tür schloss genau zu erkennen. Doch der Hut mit der Fledermaus ließ nur auf Holger schließen, der jetzt über den Hof, in den Schlosskeller eilte. Wenn er Christoph sah, reagierte er nicht darauf.
Christoph sah sich um, keiner von den Leuten die hier standen hatten auf Holger geachtet.
Christoph ging über den Hof auf die Holztür zu. Er drückte die eiserne Klinke und öffnete die Tür weit genug um hinein zu gehen. Er ließ die Tür angelehnt, damit wenigstens etwas Licht von draußen, von den Lampen auf dem Hof herein drang. Er musste einen Augenblick warten, bis sich seine Augen an die Düsternis gewohnt hatten. Vor sich sah er einen schmalen Gang der an einer Wendeltreppe endete. Dies war ein Teil des Schlosses welches normal nicht Besuchern offen stand und im Gang lagen eine Leiter und Kabel herum. Christoph konnte Stimmen von oben hören. Er ging den Gang entlang und stieg die Steinstufen hinauf. Auf der Treppe sah er fast gar nichts, erst als er im ersten Stock angekommen war erhellten Fenster die Räume schwach. Jetzt konnte er deutlich die Stimme einer jungen Frau hören.
„Gerne möchte ich zu einem Vampir werden, wenn du mich zu einem machst.“, sie lachte dabei, wie über einen Scherz. Hier war auch ein schmaler Gang, rechts war eine moderne Tür eingebaut die nicht hierher passte, links ging es zu einem großen Raum mit großen Buntglasfenstern.
Toms Stimme drang durch die Tür: „ Ich kann dir Unsterblichkeit bringen und du kannst natürlich in der Dunkelheit sehen, willst du das?“
„Ja.“, sie klang angeheitert.
„Es wird nur kurz weh tun, aber danach bist du ein echter Vampir.“
„Ja jetzt mach schon“, sie schien ihn zu küssen.
Christoph ging in den Raum links von dem Gang. Trotzdem konnte er den gedämpften Schrei hören, von dem er wusste das er kam. Er wartete. Nach einer Weile machte Tom die Tür auf und war überrascht Christoph in dem Raum zu sehen.
„Was machst du denn hier?“, fragte er. Er schien ziemlich aufgeheitert.
„Nichts.“
„A ja, klar.“
„Was machst du?“, fragte Christoph überflüssiger weise.
„Ich verführe hübsche Frauen“
„...und enttäuscht sie dann.“
„Ach was, ich frage sie immer ob sie ein Vampir werden wollen. Und bis jetzt haben alle ja gesagt. Die meisten sind ja richtig begeistert davon.“ Tom grinste.
„Natürlich, weil sie ja nicht glauben das du sie wirklich zu einem machst.“
„Ist das meine Schuld?“, fragte Tom unschuldig.
„Wo ist Susanna?“
„Da drin.“ Sagte Tom mit einem schmunzeln und hielt die Tür für Christoph weit auf.
Auf dem Boden lag die junge Frau, als Vampir verkleidet. Sie schien Tod, an ihrem Hals waren die zwei Bissspuren die Tom hinterlassen hatte.
„Willst du die jetzt einfach da liegen lassen?“, fragte Christoph.
„Nein ich räume sie gleich weg, ich wollte erst mal wissen wer denn hier draußen herumlungert.“
Er ging zu der Frau hinüber und hob sie hoch. Er trug den scheinbar leblosen Körper wie ein Bräutigam über die Schwelle in einen angrenzenden kleinen Raum. Dort waren keine Fenster, wahrscheinlich war es mal eine Abstellkammer gewesen, und Christoph konnte nichts darin sehen.
„Du hättest mir auch sagen können das der Christoph vor der Tür herumlungert.“ Sagte Tom in dem Raum.
„Du hast nicht gefragt.“, kam Susannas Antwort, „leg sie dahin.“
Dann kam sie heraus.
„Ich glaube nicht das dir das hier gefällt Christoph.“ Sagte sie.
„Nicht wirklich.“
„Es wäre besser, wenn du nicht hier her kommst, nicht das jemand denkt, du hättest irgendwas mit dem verschwinden der Leute zu tun.“ Sie legte einen Arm um ihn und führte ihn hinaus.
„Wie viele, habt ihr schon ... gebissen?“, fragte er während sie die Treppe hinunter gingen. „Ein paar...“ wich Susanna aus.
„Wie viele?“
„Also, ich habe ... elf. Aber sie wollten alle Vampire werden! Ich habe alle gefragt.“
„Langsam müsstest du doch dann satt sein oder?“
„So langsam. Aber ein paar kann ich noch, vielleicht ein oder zwei.“
Christoph seufzte, es würden mehr werden als nur ein oder zwei, er kannte sie.
„Wenn hier noch sehr viel mehr Leute verschwinden, fällt es auf Susanna.“
„Wahrscheinlich tut es das. Deswegen möchte ich auch nicht das du hier rein kommst.“
Sie waren unten auf dem Schlosshof angelangt und Susanna schloss grade die Tür hinter ihnen. Es nieselte immer noch.
Sie gingen halb über den Hof, als Susanna ihn noch mal anhielt. „Ist alles weg?“, fragte sie. Er schaute sich ihr Gesicht an. „Ja“ sagte er. Nicht das es hier aufgefallen wäre, wenn sie noch Blutspuren an den Lippen hätte. Sie küsste ihn flüchtig. Dann gingen sie in den Gewölbekeller.
In dem Ballraum war die Party in vollem Gange. Die Musik war jetzt laut und viele Paare tanzten. Der Alkohol floss und die Stimmung wurde ausgelassener.
„He du hast mir doch versprochen das du mit mir tanzt, mein Lieber.“
„Hab ich das?“, fragte Christoph. Nach dem was er eben gesehen hatte fühlte er sich nicht nach tanzen. „Schau mal da ist Holger.“, fügte er an und wollte zu dem Stehtisch gehen, wo Holger mit ein paar Vampir-Mädels und dem Vampirjäger mit der Kette aus Knoblauchzehen stand. Doch Susanna packte ihn am Arm und zog ihn auf die Tanzfläche.
„Ich kann doch gar nicht tanzen“, protestierte Christoph halbherzig, aber fügte sich ihr. Sie tanzten einen Chacha und einen langsamen Walzer.
„Siehst du, so schlimm ist das nicht. Und du tanzt voll gut.“ Sagte sie. Dabei führte sie eher ihn und nicht umgekehrt, wie es sein sollte.
„Du tanzt aber noch viel besser“, schmeichelte er ihr. Es war schön mit ihr zu tanzen, aber neben ihr fühlte er sich etwas ungelenk, auch weil er an andere Dinge dachte, zum Beispiel was passieren würde wenn hier zu viele Leute vermisst wurden.
Susanna schien sich darüber keine Sorgen zu machen. Sie tanzte mit einer Leichtigkeit und Sinnlichkeit, die kaum zu beschreiben war. Nach einer Weile zog sie ihn in ihren Bann und er ließ sich darauf ein. Sie tat dies nicht um seine Liebe zu gewinnen, er liebte sie auch so. Es war ein erregendes Gefühl das sie allein durch ihre Nähe erzeugen konnte, genau so wie sie das Gegenteil Angst in Menschen erzeugen konnte. Er fühlte ihre angenehme Wärme und vergaß seine Gedanken. Er wollte mehr von ihr. Er zog sie an sich und küsste sie. Sie war einfach unbeschreiblich in jeglicher Weise.
„Ich kann es kaum erwarten bis wir heute zu Hause sind“ flüsterte sie ihm ins Ohr.
Er stimmte ihr zu und wünschte sich das gleiche. Er nahm sein Handy aus der Hosentasche. Es war fast halb zwei. Der Ball ging bis um drei.
„Das dauert noch so lange.“, sagte er zu ihr.
„Sollen wir uns jetzt gleich einen Platz suchen?“, flüsterte sie verführerisch, „Im Schloss gibt es bestimmt was.“
Er nahm ihre Hand und ging mit ihr wieder aus dem Ballsaal.
Der Wachmann sah wie ein junger Mann mit einem Hut mit Fledermaus eine etwas kräftigere Frau über den Schlosshof und durch eine Tür in einen Bereich des Schlosses führte der nicht betreten werden sollte. Er hatte vorhin schon beobachtet wie jemand anderes dort heraus gekommen war. Er ging seinen Pflichten nach, die jungen Leute wieder aus dem Teil des Schlosses hinaus zu scheuchen. Er ging die Wendeltreppe hoch und blieb vor der Tür stehen, hinter der er Stimmen hörte. Diese Tür sollte abgeschlossen sein. Er drückte die Klinke, die Tür glitt zur Seite.
Er sah den jungen Mann und die Frau in einer Umarmung im Raum stehen. Doch etwas irritierte ihn daran. Der Mann stand gebückt und hatte sein Gesicht seitlich am Hals der Frau und in ihren Haaren vergraben. Die Frau zuckte merkwürdig und keuchte, wie unter Schmerzen.
Der Wachmann starrte verwundert. Dann sackte die Frau zusammen. Als Holger sie auf den Boden gleiten ließ sah der Wachmann die Bisswunden in ihrem Hals. Holger sah überrascht auf. Blut rann ihm aus dem Mundwinkel und klebte an seinem Kinn.
„Hallo“, sagte er.
Der Wachmann wurde blass und rannte aus dem Gebäude so schnell er konnte.
Auf dem Hof beruhigte er sich wieder, wohl bewusst das ihn Leute beobachteten.
Er ging zu den Rauchern unter das Tor. Er wollte sie warnen. Aber wovor? Sollte er ihnen sagen das er gerade einen echten Vampir gesehen hatte? Das würde ihm kaum jemand glauben. Wenn seine Glaubwürdigkeit angezweifelt würde, würde er bestimmt seinen Job verlieren.
Desto mehr Zeit verstrich desto unwahrscheinlicher kam ihm das vor, was er gerade gesehen hatte. Vielleicht spielte ihm jemand gar einen Trick. So was wie Versteckte Kamera. Er sah sich um. Er sah keine Kameras.
Er beschloss erst einmal einen Kaffee trinken zu gehen und dann die Sache im Auge zu behalten. Er konnte die Sache immer noch später einem Kollegen erzählen. Es sollte bestimmt ein Scherz sein.
Er ging los, um sich einen Kaffee zu holen.
Gerade als der Wachmann raus auf den Hof gelaufen war, kam Susanna die Wendeltreppe hinunter, ihren Mantel zuknöpfend. Sie hatte ihn aufhalten wollen, aber war zu spät.
Sie ging zu Holger.
„Kannst du nicht aufpassen?“, herrschte sie ihn an, „Warum kommst du hier rein, wenn dich jemand beobachtet? Ihr Jungs seid echt toll! Der erzählt bestimmt bald anderen hier von. Dann werden hier mehr Leute nachschauen kommen.“
„Sorry Susanna, aber ich habe ihn echt nicht gesehen.“
„Weil du nicht geguckt hast. Mann! Wahrscheinlich müssen wir die jetzt wo anders hin räumen.“, sie deutete in Richtung der dunkle Abstellkammer.
Auch Christoph kam nun die Treppe herab. „Was ist passiert?“, fragte er.
„Weil Holger nicht aufpassen konnte war einer von den Wachmännern vom Schloss hier.“
„Is gut jetzt, es war meine Schuld, aber es ist jetzt passiert.“, entgegnete Holger.
„Aber es hätte nicht passieren sollen, Holger“
„Also was machen wir jetzt?“
„Ich habe noch den Schlüssel für die Tür. Aber ich weiß nicht ob die Wachmänner einen Ersatzschlüssel haben.
„Vielleicht sollten wir Heim gehen, Susanna.“, meinte Christoph.
„So lang der Wachmann nichts sagt ist es ja noch ok. Bis jetzt hat er es noch nicht. Vielleicht tut er es gar nicht.“, sagte sie zu Christoph, „und keiner wird ihm glauben.“
„Aber selbst wenn sie ihm nicht glauben wird er sie hier her führen.“, sagte Christoph.
„Wenn wir die Tür abschließen, dann sieht es für anderen Leute so aus als wäre hier nichts passiert. Sie werden schon nicht die Tür aufbrechen“, sagte Holger.
Susanna stimmte dem zu. „Wenn wir die Tür abschließen und den Wachmann etwas im Auge behalten, sollte es gehen.“
„Also, ich wäre echt dafür das wir gehen.“, versuchte Christoph es erneut.
„Wir bleiben nicht mehr lange Christoph.“, sagte Susanna. „Aber wenn du möchtest kannst du schon gehen. Wir müssen das hier dann eh noch aufräumen. Und ich möchte wirklich nicht das du hiermit irgendwie in Verbindung gebracht wirst. Ich denke mal, eine halbe Stunde oder so, bleiben wir noch.“
„Ich bleibe dann auch so lange.“
„Es wäre echt besser, wenn du jetzt schon alleine mit dem Auto heimfährst“, warf Holger ein, „wir können Heim laufen, das ist dann nicht so auffällig.“
„Ja, Holger hat Recht Christoph. Es ist besser wenn du ohne uns fährst. Wir können dann durch den Wald runter in die Stadt laufen.“
„Ich weiß nicht. Vielleicht habt ihr recht.“
„Christoph.“, sagt Susanna, „es ist besser, wenn du fährst, dann kann keiner auf den Gedanken kommen das du was mit den verschwundenen Menschen hier zu tun hättest. Es verschwinden ja noch welche nachdem du gegangen bist.“ Christoph sah die Gier in ihren Augen.
Es würde tatsächlich nicht mehr schön für ihn sein. Die drei würden noch was trinken und er würde wieder nur allein rum stehen.
„Na ja, dann geh ich halt. Aber, ihr macht nicht zu doll.“
„Aber natürlich nicht. Und ich komme dich danach noch mal besuchen.“, sie zwinkerte ihm zu.
Als er die Wendeltreppe runterging hörte Christoph wie die Tür unten aufging. Erschrocken blieb er stehen. Waren das schon die Wachmänner? Sein Herz hämmerte in seiner Brust.
Dann hörte er Toms Stimme und ging weiter die Stufen hinab.
„Hier wären wir“, hörte er Tom. Und ein Mädchen kicherte. „Hier ist es aber echt düster.“ „Komm die Treppe hoch, oben ist es heller... oh Christoph.“ „He“ hörte er das Mädchen, das er kaum erkennen konnte, „ich dachte wir wären hier alleine.“
„Bin schon weg“, raunte Christoph und zog an den beiden vorbei, hinaus auf den Hof. Dabei sah er sich um. Keiner beobachtete ihn, als er aus der Tür heraus kam. Viele Gäste waren schon dabei das Schloss wieder zu verlassen, einige in dem glauben das Verwandte oder Bekannte die mit ihnen hier her gekommen waren schon heim gegangen sein mussten.
Er saß jetzt schon eine viertel Stunde im Auto. Er tappte mit den Fingern auf dem Lenkrad. Der Regen tappte auf das Autodach. Er wischte wieder über die Frontscheibe, die gleich wieder anfing sich zu beschlagen. Sie hatten recht, er sollte heimfahren. Er konnte hier nichts tun. Der Schlüssel steckte bereits im Schloss. Christoph startete das Auto und wartete noch damit die Scheiben einigermaßen frei wurden. Die Uhr am Armaturenbrett zeigte 02:30.
Er konnte gerade wieder durch die Windschutzscheibe sehen, als er bemerkte wie ein Mann aus dem Schloss rannte. Er lief am Parkplatz vorbei. Der Mann, es war der mit der Knoblauchkette, hastete zur Treppe die vom Schloss in die Stadt hinunter führte. Er rannte als wäre ein Geist hinter ihm her und ohne auf die wenigen Leute zu achten, die sich zu Fuß auf den Heimweg machten. Oder ein Vampir, dachte Christoph. Das war nicht gut. Jetzt würde es wirklich nicht mehr lange dauern, bis die Polizei kam. Ob seine Freunde das wussten? Wahrscheinlich. Aber wenn nicht? Sie würden schon selbst klar kommen.
Christoph hatte ein ungutes Gefühl im Bauch. Hielten sie sich an ihre Abmachung? Irgendwie fühlte er sich für die Menschen hier verantwortlich. Er wusste Bescheid.
Ihm fiel ein das er seine Zorro – Maske auf dem Tisch im Gewölbekeller liegen lassen hatte. Dies veranlasste ihn dazu das Auto wieder aus zu machen und zurück zum Schloss zu gehen. Er wollte nur schnell die Maske holen und vielleicht dabei versuchen doch die anderen zum heimgehen zu bewegen.
Dann fiel ihm ein das er wahrscheinlich gar nicht ins Schloss gelassen wird. Er hatte keine Eintrittskarte, genauso wenig wie Susanna, Tom und Holger. Wenn sie welche gekauft hätten wüsste jeder das sie hier waren, das wollte Susanna aus ersichtlichen Gründen nicht. Sie waren vorhin alle durch ein offenes Fenster ins Schloss gekommen und sind von dort auf den Hof und in den Ballsaal gelangt. Für Vampire war es eben kein Problem drei Meter hoch zu springen. Und Susanna hatte Christoph einfach festgehalten und war mit ihm zusammen durch das Fenster gesprungen.
Aber alleine konnte er das natürlich nicht. Er ging trotzdem zum Eingang. Dort stand niemand, er schien Glück zu haben. Er ging schnell durch, niemand war da, um ihn auf zu halten. Er ging über die Brücke und kam zu dem eigentlichen Tor.
Hier war auch niemand, kein einziger Raucher. Es war auch niemand auf dem Hof zu sehen. Hatten schon so viele den Ball der Vampire verlassen?
Christoph steuerte den Gewölbekeller an. Die große Doppeltür war zu. Er drückte die Klinke, aber sie was verschlossen. Was war denn hier los? Von drinnen hörte er Musik und ausgelassene Stimmen.
Es gab ein Fenster links von der Tür. Von dort konnte Christoph nach unten in den Ballsaal schauen. Er konnte nur einen Ausschnitt sehen. Links einen Teil der Tanzfläche, die Stehtische und rechts ein paar von den Holztischen. Die Bar war auf seiner Seite, also direkt unter dem Fenster und nicht zu sehen. Die Tanzfläche war gefüllt, nur noch wenige versuchten zu der rockigen Musik, klassisch zu tanzen. Die meisten tanzten ausgelassen. Ein paar standen an den Stehtischen. Christoph sah Susanna an einem der Stehtische und Holger tanzte wild auf der Tanzfläche. Erst nach einer Weile entdeckte er Tom der mit einer jungen Frau an einem der Holztische saß und an ihr rummachte. Er sah auch seine Maske auf dem Tisch liegen, neben der roten Friedhofskerze.
Er sah auch das rechts, wo die Treppe zum Ausgang hochging, zwei Menschen etwas ratlos rumstanden. Denen war wohl auch schon aufgefallen das die Tür verschlossen war. Sie wurden aber gerade nicht beachtet.
Dann sprang Holger auf einen der Stehtische und tanzte dort. Er musste schon einiges getrunken haben. Susanna hatte ihm mal gesagt das Blut auf Vampire ähnliche Auswirkungen hat wie Alkohol bei Menschen. Wenn sie sehr viel davon tranken wurden sie ausgelassener. Aber Holger hatte ja auch einige Bier getrunken. Christoph war auf jeden Fall etwas überrascht.
Andere stellten sich um den Tisch herum und feuerten ihn an. Es gab auch eine sexy Vampirlady die es ihm gleich tat und auf einen der anderen Stehtische kletterte und ihr Glas Sekt über die Umstehenden verschüttete. Susanna feuerte Holger mit an, der sich jetzt sogar sein Hemd auszog. Tom kam dazu, Christoph konnte die Frau nirgends sehen mit der Tom eben zusammen gesessen hatte. Er stieg zu der Vampirlady mit auf den Tisch und umtanzte sie.
Es waren jetzt vielleicht 20 bis 25 Leute in dem Ballsaal.
Susanna tanzte jetzt mit einem jungen Mann, der als Werwolf verkleidet war. Nach einer Weile zog sie ihn rüber zu den Tischen, wo Christoph sie nicht mehr sehen konnte. Sie kam nach ein paar Minuten wieder auf die Tanzfläche, aber von dem Werwolf fehlte jede Spur. Kurz danach ging Tom wieder, mit der sexy Vampirlady zu den Tischen. Diesmal konnte Christoph sehen, wie Tom mit der Frau redete, mit ihr rumschmuste, sie küsste, dann mit der Hand ihren Mund zu hielt und ihr in den Hals Biss. Kaum jemand achtete auf die beiden und es war zu laut als das jemand den erstickten Schrei der Frau hören könnte.
Und die paar die es sahen waren wohl entweder zu betrunken oder dachten die beiden würden schauspielern. Tom stützte die nun leblose Vampirlady, wie man einen betrunkenen stützen würde und trug sie aus Christophs Blickfeld nach rechts.
Es war für Christoph unverständlich das niemand merkte was da passierte.
Ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken.
Aber dann sah er das doch ein paar Menschen umher liefen, Leute suchten und zum Teil verwirrt wirkten. Es standen nun fünf an der Treppe zum Aufgang und wirkten sehr aufgebracht.
Doch die Mehrheit war immer noch am Feiern. Die drei Vampire tanzten immer ausgelassener und die Menschen mit ihnen, sie merkten kaum das sie immer weniger wurden.
Susanna tanzte nun auch auf einem der Stehtische, Tom tanzte um sie herum, Holger tanzte auf einem Tisch mit zwei Vampirdamen.
Und Susanna hatte ihren Mantel ausgezogen!!!
Doch keiner schien etwas an ihr merkwürdig zu finden, vermutlich dachten die Leute dort, es wäre eine Verkleidung. Um sie herum war eine Art zweiter lederner Mantel geschwungen, der nachtschwarz war. Niemand schien zu bemerken das dieser Mantel sich ihren Bewegungen perfekt anpasste.
Sie war sichtlich erfreut. Christoph konnte das verstehen. Sonst konnte sie niemandem ihr Geheimnis zeigen, kein Mensch außer Christoph wusste davon. Doch hier ging es. Denn die Leute würden denken es wäre nur eine Verkleidung. Aber es war trotzdem riskant...
Ihm kam ein zweiter, erschreckenderer Gedanke. Was, wenn die ganzen Leute hier keine Gelegenheit mehr dazu bekommen würden, etwas über Susannas Aussehen zu erzählen?
Susannas Stimme drang zu seinem Ohr. Sie rief den Leuten zu:
„Ihr Geschöpfe der Nacht, wollt ihr unsterblich sein?“
Die Verkleideten antworteten ausgelassen.
„Ja“
„Wollt ihr unsterblich sein?“
„Jaa“
„Wollt ihr Blut trinken?“
„Jaa“, grölten immer mehr mit.
„Wollt ihr Vampire sein?“
„Jaa“
„Ich frage noch mal, wollt ihr Vampire sein?“
„Jaaaa!“ Alle brüllten jetzt mit.
Nein! dachte Christoph. Sagt doch nicht einfach ja. Seid ihr bescheuert. Sagt doch nicht einfach ja.
Er hörte einen Schrei. Holger hatte sich im Hals einer der Vampirdamen auf dem Tisch festgebissen. Unglaublicherweise feuerten Leute sie an, die dachten es wäre Theater. Einige wichen zurück. Unter die Leute kam Bewegung.
Dann faltete Susanna ihre Flügel, die sie vorher eingehüllt hatten, auseinander. Sie hatte eine Spannweite von mehr als drei Metern. Die Flügel waren denen einer Fledermaus ähnlich. Susanna hatte ein schwarzes Top an, ein T-Shirt konnte sie wegen den Flügeln die aus ihrem Rücken wuchsen nicht tragen, und eine schwarze Jeans.
Viele Leute verstummten plötzlich, jene die Susanna nahe standen wichen erschrocken zurück, andere drängten vor, einige jubelten immer noch. Ein paar applaudierten. Manche tanzten weiter. Die Stimmung änderte sich schlagartig, als Susannas Augen plötzlich weiß waren und sie ihre Vampirzähne ausfuhr. Sie hatte sowohl im Oberkiefer als auch im Unterkiefer ein Paar langer, spitzer Zähne. Und wenn sie das tat, sah ihr Gesicht nicht mehr hübsch aus.
Die Leute kreischten, verfielen in Panik und begannen Richtung Ausgang zu laufen. Nur ein paar begriffen immer noch nicht was los war und tanzten weiter. Susanna schnappte sich den nächst stehenden Herrn und saugte ihm in Sekunden sämtliches Blut aus den Adern, ließ ihn einfach fallen und holte sich den Nächsten. Tom und Holger taten es ihr nach.
Dann packte sich Susanna einen Mann und begann mit ihm zu tanzen. Sie bewegte ihn mit sich zur Musik wie eine Puppe, er machte eine Weile mit, dann versuchte er zu entkommen. Dafür biss sie ihm in den Nacken.
Tom kam zu Susanna. Er begann mit ihr einen wilden Tanz zu tanzen, schneller und eleganter als Menschen es hätten vollbringen können. Sie waren wirklich gut. Es sah etwas skurril aus, da Susanna zuweilen ihre Flügel mit einbezog. Sie tanzten über die ganze Tanzfläche, sprangen ab und an auf einen der Tische und schnappten sich zwischendurch einen von den Menschen, um ihnen das Blut auszusaugen.
Selbst jetzt standen Leute da und applaudierten.
Trotz des Schreckens fühlte Christoph Eifersucht in sich aufsteigen. Tom machte sich ziemlich offensichtlich an Susanna ran. Und er machte es auch noch gut.
Die Tür erzitterte, als Menschen dagegen anrannten und versuchten sie aufzumachen. Christoph wusste nicht ob er die Tür aufmachen sollte. Er sollte ihnen helfen, doch dann würden seine Freunde und er Probleme bekommen, wahrscheinlich ins Gefängnis wandern. Und sie waren ja selber Schuld! Wenn sie einfach ja sagten.
Die Leute schrien. Christoph ging zur Tür, aber er hatte ja gar keinen Schlüssel. Er drückte die Klinke und zog, doch das half natürlich nichts.
„Macht auf“, schrie jemand direkt hinter der Tür. Dann hörte er ein gurgelndes erstickendes Geräusch.
Christoph lief wieder zum Fenster, als in dem Raum die Lichter ausgingen. Nur die paar Friedhofskerzen auf den Tischen gaben etwas Licht. Ansonsten war es dunkel. Wieder ein Schmerzensschrei. Sie spielten mit den Leuten. Christoph war entsetzt. Wie eine Katze mit einer Maus spielt. Manchmal hörte er Susanna ihre Flügel schlagen.
Die Menschen versuchten in der Nähe der Kerzen zu bleiben.
Christoph sah wie ein Mensch auf einen anderen einschlug, der als Vampir verkleidet war.
Der fiel auf den Tisch, wo immer noch Christophs Zorro-Maske lag und stieß die Friedhofskerze um. Das Tischtuch fing Feuer und die Maske und der Umhang des Mannes der mit dem Rücken auf dem Tisch lag, kam damit in Berührung. In ein paar Sekunden brannte der ganze Umhang. Der Mann lief in Panik durch den Raum und erhellte die Umgebung, wie eine lebende Fackel. Er stolperte über die am Boden liegenden Menschen, keiner half ihm. Schließlich wurde er gepackt und auf einen anderen Tisch gezogen. Es war Susanna.
Es dauerte noch bis die letzten Schreie verstummten. Die beiden Tische die brannten erhellten nun den Raum in einem rötlichen Schein. Überall lagen Menschen. Es lief etwas von Apocalyptica. Susanna mochte die Musik. Sie tanzte wieder mit Tom, zu den Geigentönen.
Christoph ballte seine Hände zu Fäusten, als Tom versuchte Susanna näher zu kommen. Sie tanzten gerade auf einem der Stehtische. Susanna beendete ihren Tanz indem sie von dem Stehtisch runter hüpfte und dabei mit einem ihrer Flügel den Tisch unter Toms Füßen wegfegte. Der Tisch flog drei Meter, und Tom landete unsanft auf dem Hintern.
Christoph konnte sich trotz allem ein kichern nicht verkneifen. Er musste sich seiner Erleichterung Luft machen.
Tom zeigte seinen Mittelfinger zu dem Fenster, wo Christoph stand. Christoph war nicht all zu sehr überrascht. Er hatte schon vermutet das sie wussten, das er hier war.
„Fick dich selbst.“, sagte er.
„Machst du ihm die Tür auf?“ fragte Susanna Tom.
„Natürlich“, sagte er mit übertriebener Freundlichkeit.
„Susanna was sollte das hier?“, fragte Christoph, während er noch die Treppe zum Ausgang hinunter gelaufen kam. Er war aufgebracht, wütend über was sie getan hatten. Er fühlte sich hintergangen.
„Wieso? Wir haben uns an die Abmachung gehalten. Wie wir aus gemacht haben, habe ich sie gefragt ob sie Vampire werden wollen... und sie haben alle mit „ja“ geantwortet...“
„Aber... ihr könnt doch nicht... die haben das doch nicht ernst genommen. Außerdem waren die meisten ziemlich betrunken.“ Christoph ballte die Hände zu Fäusten.
„Na und“, entgegnete Holger, „was kümmert uns das denn? Die Hauptsache ist das sie „ja“ gesagt haben. Das war die Abmachung!“
„Sie wussten doch gar nicht wo rauf sie sich damit einlassen.“, sagte Christoph.
„Auf Vampire.“
„Und wo sind eigentlich die Wachleute?“
Betretenes Schweigen seitens der Vampire.
„Die habt ihr auch umgebracht!“
„Nein Christoph...“
„Ja Christoph!“, fiel Tom Susanna ins Wort, „wir haben sie alle umgebracht, wir sind Massenmörder. Du hast eine Massenmörderin zur Freundin! Vielleicht solltest du dir jemand anderes suchen.“
Christoph schrie ihn an: „Halts Maul!“ Er wusste das Tom genau darauf aus war. Was er sagte schmerzte. Etwas in seinem Inneren wollte schreien Nein! Nein! Ist sie nicht! Doch seine Augen sahen das es anders war.
Vor Wut drohte er Tom mit der Faust. Tom kam ihm grinsend, herausfordernd näher.
„Jetzt macht mal halb lang“, rief Susanna den beiden zu, “Tom du kannst schon mal anfangen hier aufzuräumen! Die müssen alle ganz nach unten, in den untersten Raum vom Schloss. Da wird keiner nach ihnen suchen.“
Tom warf ihr einen bösen Blick zu, ordnete sich ihr aber dann unter und nahm zwei von den Toten auf und brachte sie hinaus.
„Diese Menschen sind nicht tot und das weißt du!
Das wir sie zu Vampiren gemacht haben war das Beste was ihnen passieren konnte. Sie werden wohl für eine Weile schlafen, das ist wahr, aber sie sind nicht tot!“
„Jeder Mensch wird sie aber für tot halten“, gab Holger zu bedenken.
„Sie sind es aber nicht. Ich bin keine Mörderin!“, rief sie mit Nachdruck „Wenn sie aufwachen, wird es ihnen besser gehen.“
Christoph: “Aber wann wird das sein, Susanna, in zehn oder hundert Jahren?“
„Weiß ich nicht, aber sie werden dann stärker sein und noch mindestens 500 Jahre leben. Sie werden so gut wie unsterblich sein, welcher Mensch wünscht sich das nicht?“
„Ja toll, aber sie werden auch Blut trinken müssen.“
„Es muss ja nicht unbedingt Menschenblut sein...“
„Das hast du Holger am Anfang auch gesagt. Und konnte er sich daran halten?“
„Ich könnte wahrscheinlich schon“, warf Holger ein „Menschenblut schmeckt halt am besten, aber möglich wäre es schon, ohne aus zu kommen.“
„Das hat aber mal ganz anders geklungen Holger. Es verändert euren Charakter. Ihr merkt das nicht mal“, Christoph wirkte verzweifelt. “Du wolltest am Anfang überhaupt niemanden töten. Erinnerst du dich. Und wie viele waren es heute?“
Er zeigte mit dem Arm über die ganzen Menschen die am Boden und teilweise auf Tischen und Bänken lagen.
„Ich bin halt auf den Geschmack gekommen. Und die meisten hier wollten wirklich Vampire werden. Manche hier haben sich ja sogar schon für Vampire gehalten. Die haben bestimmt so schon Blut getrunken.“
„Darum geht’s jetzt nicht.“
„Christoph“, es war Susanna, „die meisten hier fanden es gut das wir sie zu Vampiren gemacht haben. Da bin ich sicher.“
„Und selbst wenn, es sind einfach zu viele. Ich dachte ihr wolltet nur ein paar zu Vampiren machen... aber das hier“, er schaute sich wieder um, insgesamt mussten sie an die 40 vielleicht sogar mehr ausgesaugt haben, „das sind einfach zu viele. Das könnt ihr nie vertuschen, die Polizei wird hinter euch her sein.“
„Dann müssen wir sie und uns halt für eine Weile verstecken.“ Sagte Susanna.
Christoph hätte vor Wut heulen können bei der Aussage.
„Du stellst dir das so einfach vor!“, schrie er. „Wo wollt ihr die alle verstecken?“
„Unter dem Schloss. Da gibt es Räume von denen kein Mensch mehr weiß das sie existieren.“
„Und ihr wollt für die nächsten Jahre auch in den Räumen da bleiben oder was?“
„Nein. Wir schaffen es auch so unerkannt zu bleiben.“
„Ach so, natürlich. Könnte es sein das du dir das etwas einfach vorstellst?“
„Könnte sein, wir werden es heraus finden.“
„Und was ist mit mir, Susanna?“
„Du solltest hier langsam mal verschwinden, bevor die Polizei hier ankommt, uns ist vorhin ein Typ entwischt. Der wird wohl zur Polizei gegangen sein. Ich kann schon eine Sirene hören.“
„Ich hör sie noch nicht. Ist noch weit weg.“, meinte Holger. „Wir sollten jetzt aber echt aufräumen.“ Er nahm sich einen Eimer, füllte ihn an der Theke mit Wasser und begann den Tisch zu löschen der immer noch brannte.
„Eins will ich aber noch wissen. Warum müsst ihr die so quälen bevor ihr sie tötet?“
Susanna lächelte: „Es ist das Adrenalin, Christoph. Deswegen jage ich ihnen gerne einen kleinen Schreck ein, bevor ich ihr Blut trinke. Das Adrenalin ist wie ein gutes Gewürz, und es steckt viel Energie darin. Musst du nicht verstehen.“
„Und das Blut wird wärmer, wenn Menschen Angst haben, es pumpt ja auch schneller.“, sagt Tom, der wiedergekommen war, um die nächsten beiden Toten abzuholen und unter das Schloss zu bringen.
Christoph seufzte. Er wusste nicht was er tun sollte.
„He Christoph!“ sagt Susanna, während sie begann die Toten alle auf einen Haufen neben dem Ausgang zu räumen.
„Es ist doch nur das eine mal jetzt. Einmal im Jahr darf man doch mal seinen Spaß haben und sich satt essen. Dafür sind wir ja jetzt erst mal für die nächsten Monate satt. Das ist doch gut.“
„Ja“ sagte er und schaute ihnen eine Weile zu, wie sie die ausgesaugten Menschen wegräumten. Es waren so viele. Nun hörte er eine einsame Polizeisirene langsam näher kommen.
Er ging hinaus, um Heim zu fahren bevor die Polizei ankommen würde.
Die ganze Zeit hatte er die ganzen verkleideten Menschen vor Gesicht, die auf dem Boden lagen, die kein Blut mehr in ihren Adern hatten, die Gesichter noch verzerrt vor Angst.
Dabei ging ihm ein Gedanke immer wieder durch den Kopf:
Wie wird es sein wenn die alle aufwachen und einmal im Jahr ein Fest machen um sich satt zu trinken?
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